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Liniert zu sein ist was fürs Leben.

Times mager

Liniert

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Mit dem Menschen liniert zu sein, den man liebt: Ein schöner Versprecher, aber auch ein schönes Versprechen. Die Feuilleton-Kolumne.

Als der Lokführer durchsagte, der Zug erreiche jetzt plötzlich, äh, pünktlich W., konnte einem auch wieder einfallen, dass die junge Frau erzählt hatte, sie sei damals eine Weile mit dem Soundso liniert gewesen. Anders als der Lokführer korrigierte sich die junge Frau nicht. Beide hatten versehentlich etwas Poetisches geäußert, überhaupt zeigte sich wieder, dass es die von Leserinnen, Lesern und – bitte glauben Sie mir das – Redaktionsmitgliedern gleichermaßen gehasste und verachtete Fehlerhaftigkeit ist, die das Leben abwechslungsreicher und letztlich schöner macht.

Im Zug waren etliche Pendler auf einmal ganz belebt. Sie guckten erstmals seit einer halben Stunde von ihrem kleinen Bildschirmen auf und womöglich aus dem Fenster. Einige lächelten versonnen, andere riskierten einen Blickkontakt. Der Pendler als Berufsteilnehmer mit ausgefülltem Privatleben denkt für gewöhnlich nicht einmal daran, auch im Zug noch zu kommunizieren. Außer am Handy natürlich, aber das ist etwa anderes und hat außerdem mit dem Beruf, dem Privatleben oder der Steuer zu tun. Es ist faszinierend, wie viele Menschen im Pendlerzug am Handy ihre Steuerprobleme besprechen, wobei andere, die ihre Steuerprobleme vor sich her schieben, da vielleicht neidisch werden und deshalb böse gucken. Drei Runden Zip-Zap durch korrektes Schnicken der kleinen Balken auf dem Handybildschirm oder ein gelöstes Steuerproblem. An sich gibt es da nicht viel zu überlegen, wenn es einem nicht so peinlich wäre.

Dann wieder geht man heutzutage selbst im Theater ans Handy, wenn man es schon nicht ausgestellt hat. Wer A sagt, muss auch B sagen, vor allem muss er erklären, dass er jetzt nicht telefonieren kann, da er im Theater sitzt. Das ist dermaßen logisch, dass die klare Sicht auf die Widersprüche des modernen Lebens an einer solchen Stelle geradezu verdeckt wird.

Kommen wir noch kurz auf die linierte junge Frau zu sprechen. Dass der liebende und also liierte Mensch auch liniert sein könnte, ist eine bezaubernde Vorstellung. Eine Linierung ist nicht nur eine durchgängige und prägende Sache, sie ist auch sanft und nützlich. Man bekommt sie nicht weg, aber das will man auch gar nicht. Liniert zu sein ist etwas fürs Leben. Dass die Frau in der Vergangenheitsform sprach: prosaisch. Unangenehm ferner, wie es einen gerade in dieser Woche an die Schule erinnert.

Jetzt assoziiert die sich hier wieder durch, sagen die Leserinnen, die Leser und die Redaktionsmitglieder, zwischen denen wirklich viel mehr Bande bestehen, als es angesichts der öffentlichen Debatten zu vermuten wäre.

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