Es gab Zeiten, da sahen wir alle dasselbe.
+
Es gab Zeiten, da sahen wir alle dasselbe.

Times mager

Linear

  • Stephan Hebel
    vonStephan Hebel
    schließen

Wie soll man noch anständig über das Fernsehen reden, wenn jede und jeder am Vorabend etwas anderes gesehen hat?

Das sei ein spannender und faszinierender Film gewesen, den sie da im Fernsehen gesehen habe, sagte Freundin S. Vor allem dieser junge Protagonist, der jede Person mit einer Farbe verbunden habe … Sofort klugscheißerte Freund S. dazwischen: Synästhetiker! Ja, gab Freundin S. zurück, ein Synästhetiker sei der junge Mann im Film gewesen, genau genommen ein „Person-Farb-Synästhetiker“, denn sein Hirn habe jeder Person eine Farbe zugeordnet.

Ja, großartiger Film, bestätigte Freund S., er habe auch geschaut, aber es seien doch Zahlen gewesen, die der junge Mann mit den Personen verbunden habe, und so jung sei er nun auch wieder nicht gewesen, oder?

So ging es ein wenig hin und her, bis alle sich endlich einig waren, dass Freundin S. und Freund S. am gleichen Tag unabhängig voneinander zwei unterschiedliche Filme gesehen hatten, Synästhetiker hin oder her.

Mal ganz ohne Nostalgie: Früher wäre das nicht passiert, und ganz früher sowieso nicht. Früher gab es nur das lineare Fernsehen, oder wissenschaftlich ausgedrückt: Wir konnten den Film gucken, wenn der Sender ihn sendete. Und ganz früher, als die unmenschliche Programmvielfalt des modernen linearen Fernsehens noch nicht existierte, sendeten insgesamt drei Sender, womit die Wahrscheinlichkeit, dass alle an Kriminalfilmen Interessierten am selben Tag auch denselben Kriminalfilm sahen, erheblich stieg.

Heute laufen nicht nur in jeder einzelnen Minute mindestens zehn Dutzend Kriminalfilme gleichzeitig im linearen Fernsehen, sondern jeder Depp hat Tausende davon auf irgendwelchen Merklisten gespeichert, von den Zigtausenden Serien ganz abgesehen, und die Folgen sind, wie gesehen, dramatisch. Ja, die der Serien auch, aber darum geht es jetzt nicht.

Wie, bitte, soll man noch anständig über das Fernsehen reden, wenn jede und jeder am Vorabend etwas anderes gesehen hat? Führt die Tatsache, dass die einen schon gestern gesehen haben, was die anderen morgen schauen werden, nicht automatisch zu dem, was man heute unbedingt „Spoilern“ nennen muss, als ginge es um einen getunten Golf? Katastrophe, in jeder Hinsicht.

Von lieben Menschen war letztens zu hören, dass sie sich an einsamen Abenden, wenn der Rest der Familie mal nicht da ist, ausschließlich beim linearen Fernsehen bedienen. Nicht etwa, um sich morgens mit irgendjemandem auszutauschen, sondern weil ihnen das Wissen guttut, dass da draußen andere Menschen gerade genau das Gleiche sehen.

Das erinnert zwar ein bisschen an die Oma, die sich zur Tagesschau immer fein anzog, um der zuschauenden Gemeinschaft (und dem feschen Sprecher) nicht negativ aufzufallen. Aber es ist sehr schön.

Kommentare