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Es sei leichter zu begreifen, wie ein imaginärer Präsident Charles Lindbergh ins Amt gekommen wäre, als die Wahl eines Donald Trump zu verstehen, findet Philipp Roth. Der Schriftsteller beschrieb 2004 ein fiktives Amerika, das von dem Antisemiten Lindbergh regiert wird.

Times mager

Lindbergh

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Das Magazin „The New Yorker“ hat Philip Roth, den großen Schriftsteller, der keine Bücher mehr schreibt, nach seiner Sicht auf die aktuelle Lage gefragt.

Natürlich sucht man in der Literatur nach Vergleichen, auch wenn die Realität die Fiktion selten so eiskalt überholt hat. Personen mit Langzeitgedächtnis waren schon in Donald Trumps Wahlkampf beunruhigt über die Devise „Amerika zuerst“. Das „America First Committee“, 1940 gegründet, mit Vehemenz gegen den Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg gerichtet und von dem berühmten Piloten Charles Lindbergh maßgeblich unterstützt, war nicht nur isolationistisch, sondern auch erzkonservativ und antisemitisch geprägt (was die Gruppe bestritt). Philip Roth griff das Thema in seinem Roman „Verschwörung gegen Amerika“ 2004 auf: beschrieb eine Welt, in der Lindbergh zum US-Präsidenten aufgestiegen wäre. Beschrieb ein Amerika, in dem die Juden einer Verfolgung ausgesetzt gewesen wären wie in Deutschland, geschildert aus der Sicht einer Familie Roth, deren einer Sohn Philip heißt. Der härteste Schlag bei der Lektüre war, wie wenig abwegig das wirkte.

Das Magazin „The New Yorker“ hat darum Roth, den großen Schriftsteller, der keine Bücher mehr schreibt, den vermutlich am idiotischsten um den Literaturnobelpreis gebrachten Schriftsteller unter den Lebenden, nach seiner Sicht auf die aktuelle Lage gefragt. Roth schrieb jetzt zurück: Es sei leichter zu begreifen, wie ein imaginärer Präsident Charles Lindbergh ins Amt gekommen wäre, als die Wahl eines Donald Trump zu verstehen. Lindbergh sei, jenseits seiner Nazi-Sympathien und seines Rassismus, ein Held gewesen, ein Mann, der bei der Überquerung des Atlantiks Mut und fliegerisches Genie bewiesen, der Charakter und Substanz besessen habe und neben Henry Ford seinerzeit der weltweit berühmteste Amerikaner gewesen sei. Trump hingegen, so Roth weiter, sei ein Hochstapler („con artist“). Das wesentliche Buch sei in diesem Fall darum Herman Melvilles letzter Roman „The Confidence-Man“, der auch „Die Kunst des Betrugs“ hätte heißen können. So weit Philip Roth. Brillant.

„The Confidence-Man“ heißt auf Deutsch „Maskeraden oder Vertrauen gegen Vertrauen“ (antiquarisch zu haben). Auf einem Narrenschiff, das just am 1. April ausläuft, führt ein rätselhafter Fremder in immer neuen Verkleidungen die Mitpassagiere an der Nase herum. Die Leute sind lachhaft und dumm, der Fremde ist vielleicht ein Weiser, vielleicht ein Zyniker, vielleicht der Teufel. Erst wundert man sich über diese Volte in Roths Antwort. Dann merkt man, wie man in einen bodenlosen Abgrund schaut, und bekommt einen Schreck. Literatur hat immer was zu sagen, aber sie hilft nicht immer.

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