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Sie hat uns rosa Tornetze fürs Tipp-Kick-Spiel gehäkelt.

Times mager

Lilli-Oma

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Die Welt war eine viel bessere, als es die Lilli-Oma noch gab. Nicht allein, weil sie uns rosa Tornetze fürs Tipp-Kick-Spiel gehäkelt hat.

Wenn einer von uns irgendwas im Gesichtchen hatte (hier darf es ruhig einer sein und nicht alternativ auch noch eine, denn sonst hatte eigentlich nie jemand was im Gesicht, und schon damals gab es auch jede Menge andere Sorgen als eine*r oder keine*r), dann hatte sie einen feuchten Waschlappen. Weiß der Himmel, wo sie so schnell einen feuchten Waschlappen in genau der richtigen Temperatur herholte, aber jedenfalls hatte sie ihn, und einer hatte anschließend ein sauberes Gesichtchen.

Sie war es auch, die einen Fussel schneller erkannte als der Mäusebussard die Maus. Hing dir ein Fussel am Pulli, am Ärmel oder hinter dem Ohr, zupfte sie ihn dir weg noch vor dem Begrüßungsküsschen. Einen Fussel auf ihrem Küchenboden gab es sowieso nicht. Und wenn einer auf ihren Läufer im Flur geraten war, woher auch immer, dann beugte sie sich hinab, pflückte ihn und betrachtete den Strolch zwischen frisch eingecremten Haushaltsmanagerinnenfingern streng. Wie konnte es dieser Fussel wagen?

Ihr Stammplatz befand sich am Kopfende des blitzsauberen Küchentischs, den blitzsauberen Gasherd im Rücken, eine Rätselzeitschrift aufgeschlagen, die Lesebrille auf der Nase. Rätselte sie gerade nicht, schnitt sie Pellkartoffeln in eine Glasschüssel, sehr dünne Gurkenscheiben dazu, Essig, Öl, ganz feine Zwiebeln, fertig, bester Kartoffelsalat aller Zeiten. Oder sie schnitt Weizenmischbrot an ihrer Brust. Oder sie gab mit einem kleinen Löffel den Teig für Eierschwämmchen in die Fleischbrühsuppe. So etwas Gutes findest du heute auf der ganzen Welt nicht mehr.

Samstagnachmittags machte sie, einige haben es schon mal gelesen, Obsttellerchen für den Opa und den Enkel, als Schnellimbiss, direkt verfügbar, wenn die beiden siegreich aus dem Fußballstadion zurückkamen. Sie kannte natürlich das Ergebnis aus dem Küchenradio. Und sie hatte die Tellerchen sorgfältig mit Cellophanfolie überzogen, damit die Obststücke nicht hässlich wurden.

Sie konnte aber auch anders. Schickte jemand sie in den April („Du hast da einen Fussel, Lilli-Oma!“), war sie in der Lage, die Physiognomie des Spaßvogels von Grund auf neu anzuordnen: „Ich steck dir gleich den Kopf zwischen die Ohren!“ Außerdem war sie die rechtmäßige Besitzerin der unschlagbaren Lebensweisheiten „Die best’ Krankheit taucht nix“, „Immer langsam mit den jungen Pferden“, „Die Frau XY ist auch nicht vorne wie hinten“ sowie „Oben und unten abgeschnitten – immer noch zu kurz“.

Die Welt war eine viel bessere, als es die Lilli-Oma noch gab. Sie hat uns rosa Tornetze fürs Tipp-Kick-Spiel gehäkelt. Der Opa nannte sie Mausi. Heute wäre sie hundert Jahre alt geworden.

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