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Liebes Einst

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Von: Sylvia Staude

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Die gute alte Zeit, als wir noch nicht wussten, was Feinstaub ist.
Die gute alte Zeit, als wir noch nicht wussten, was Feinstaub ist. © Imago (Symbolbild)

Zurück in die Steinzeit? Das will eher niemand. Aber zurück in die eigene Jugendzeit. Unbedingt!

Die Vergangenheit ist gerade schwer im Kommen. Nicht unbedingt die Steinzeit (außer vielleicht bei den Anhängern und Anhängerinnen der „Steinzeit-Diät, das Original“), denn die fabelhafte Serie „Beforeigners“ erinnert zu Recht daran, dass man damals sein Kaninchen meist ungekocht zu sich nahm und die Zahnarzt-Ausbildung noch einiges zu wünschen übrig ließ. Aber anders sieht es doch mit dem 19. Jahrhundert aus, da wurden die Tweets äußerst höflich formuliert (es war eben nach der üblichen An- und Vorrede schon kein Platz mehr für Weiteres) und es durfte überall geraucht werden.

„Jüngere Generation würde lieber in der Vergangenheit leben“ lautete gestern in dieser Zeitung die Überschrift zum Ergebnis einer Umfrage, in Auftrag gegeben von der sich die Vergangenheit gewiss zurückwünschenden Firma British American Tobacco. Vor knapp zehn Jahren wollten 70 Prozent der 18- bis 34-Jährigen in der Zukunft leben, so die Studie, jetzt sind es nur noch 44 Prozent. (Liegt es daran, dass mittlerweile jeder Milliardär zu einem Absacker ins All fliegt? Nach ein paar Stunden zurückkommt und nichts dazugelernt hat?) Befragte im Alter zwischen 35 und 54 Jahren bevorzugten zu deprimierenden 66 Prozent die Vergangenheit. Da liegen die noch Älteren nicht mehr viel drüber: 68 Prozent wünschen sich die Zeit zurück, die gern mit den Adjektiven „gute alte“ verbunden wird, aber meint: Damals, als ich jung war....

Ganz zweifellos ist die Zukunft nicht mehr das, was sie mal war. Zum Beispiel können wir uns immer noch nicht als Jüngere und Schönere, schon gar nicht als Klügere wieder auftauen lassen, nachdem andere sich um das Artensterben, die Klimakrise und den Krieg gekümmert haben.

Aber welche Vergangenheit wünschen wir uns? Die, in der der Pfarrer einmal die Woche in den Religionsunterricht der katholischen Mädchenschule kam und jede stehenbleiben musste, die nicht morgens um 7 schon in der Messe gewesen war? Die, als von knapp 30 Grundschülerinnen drei (in Worten: drei) aufs Gymnasium gingen? Ihr heiratet eh, sagten die Schwestern (selbst mit Christus verheiratet). Oder die, in der sich junge Frauen noch diskret zuraunten, mit welchem Lehrer/Prof/Chef man besser nicht allein im Raum blieb?

Vorteile hatte diese Vergangenheit freilich auch, wir geben es zu. Als Kind konnte man Schmetterlinge jagen und Käfer sammeln, ohne dass man Angst haben musste, das vielleicht letzte Exemplar einer Art erwischt und diese also ausgerottet zu haben. Als junge Frau gurkte man mit einem alten VW-Bus durch halb Europa, setzte Feinstaub ohne Ende frei und wusste gar nicht, was Feinstaub ist. Doch, in der Zeitung stand schon einiges, aber es gab ja die Technik des Überblätterns.

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