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Lieber nicht

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Ja es gibt sie noch, die Probierscheiben an der Wursttheke.
Ja es gibt sie noch, die Probierscheiben an der Wursttheke. © imago/Jochen Tack

Der Künstler Arthur Kern, nun 84, verspürte nie einen Drang nach Öffentlichkeit. Wohingegen man sich keine Vorstellungen davon macht, wer alles etwas veröffentlichen möchte, und zwar sofort.

Wer keinen Führerschein hat, erregt in bestimmten Lebenslagen – „Nehmen Sie doch einfach den Dienstwagen“ – mehr Aufsehen, als ihm lieb ist. In solchen Momenten kann das lizensierte Autofahren durchaus zur „Kulturtechnik“ deklariert werden, trotz der offensichtlichen Haltlosigkeit einer solchen Bezeichnung.

„Ich möchte lieber nicht“: Selbst in der Weltliteratur („Bartleby“ von Herman Melville) führt dieser Satz zu Unannehmlichkeiten und schließlich zum Tode. Das Jüngelchen, das kürzlich an der Wursttheke kein Stückchen Fleischwurst wollte, wurde von den Umstehenden mit reichlich kaltem Interesse gemustert. Die Mutter sprach den unfreundlichen Satz: „Nun zier dich nicht so.“ Sich zu entziehen, giltet nicht auf dieser Welt.

Der Künstler Arthur Kern wartete immerhin einige Zeit ab, bevor er sich auf eine Ausstellung seiner Werke einließ. Im Ogden Museum in New Orleans sind jetzt bizarre Pferde und Menschen zu sehen, gestürzt, versehrt, unheimlich, riesig, winzig: weiße und dunkle Skulpturen aus Fiberglas. Die Kunstszene wusste nichts davon. Kern lehrte Malerei an der Universität von Louisiana und verlor kein Wort darüber, dass seine private Zeit der Bildhauerei gehörte. Nach seiner Pensionierung geriet er völlig in Vergessenheit. Jetzt ist er 84 Jahre alt. Zur Ausstellung kam es, weil eine Cousine Fotos seiner Arbeiten auf dem Tisch liegen hatte, als ein Arzt zu Besuch war, der einen Kurator kannte und so weiter.

So wichtig ist das zwar nicht, aber schon markant, wenn man sich überlegt, was seit den sechziger Jahren bei Kern (verheiratet, drei Kinder) eingelagert wurde – allein mengenmäßig –, ohne dass der Hersteller einen Drang nach Öffentlichkeit verspürte. Wohingegen man sich keine Vorstellungen davon macht, wer alles etwas veröffentlichen möchte, und zwar sofort. Sei es ein Haiku. Sei es das Häschen-Bild der Nichte (das Häschen-Bild ist umwerfend, aber hier geht es ums Prinzip).

Arthur Kern wollte also lieber nicht, eigentlich. Er sei überhaupt nicht besonders wild entschlossen gewesen, Künstler zu sein. Es sei einfach das gewesen, was er die ganze Zeit getan habe. Jetzt jedoch, sagt er im Interview mit der „New York Times“, mache er genau die Dinge, von denen er gewusst habe, dass er sie in dieser Situation machen würde, und die er auf keinen Fall habe machen wollen. Der „New York Times“ Interviews geben, zum Beispiel, folgert die Zeitung messerscharf.

Der wirklicher Knaller, es wird Ihnen nicht entgangen sein, ist allerdings, dass es an Wursttheken tatsächlich immer noch Fleischwurstscheiben gibt. Wenn man nur klein genug ist. Und Ja sagt.

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