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Times Mager

Licht aus

In meiner Familie verschwinden die Männer - im Krieg, in die Fremde oder ins Krankenhaus, wo sie diskret das Licht ausknipsten. Die Frauen legten sensationellere Abgänge hin. Von Natalie Soondrum

In meiner Familie sind die Männer immer nur verschwunden - im Krieg, in die Fremde oder einfach ins Krankenhaus, wo sie - wie soll ich sagen - diskret das Licht ausknipsten. Die Frauen legten sensationellere Abgänge hin.

Ich erinnere mich an eine Erbtante, die so reich wie geizig war. Sie stellte dem Onkel in jüngeren Jahren ein Haus als Unterkunft zur Verfügung, besetzte aber die beiden schönsten Zimmer der Beletage mit so viel Gerümpel - nachher stellte sich vieles als wertvolle Antiquität heraus - dass die Familie sich in den Hinterzimmern zusammendrängen musste. Als sie im Sterben lag, brach eine irre Jagd nach ihrem Erbe aus. Als die Tante nach der Testamentsvollstreckung den Safe aufschloss, war dieser schon geräumt worden. Übriggeblieben war nur ein kleines goldenes Medaillon, das zu meiner Überraschung an mich ging.

Die Großmutter war das liebevollste Wesen, das mir je begegnet ist. Was hat sie uns Mores gelehrt. Sie ging nach einem langen, harten Winter - es hatte noch im März dick geschneit - von uns. Es war der erste Tag nach Wochen, an dem die Sonne schien, auf einmal brachen die Krokusse hervor. Meine Tochter sagte: "Dann hat die Oma Recht gehabt. Sie hat mir mal gesagt, eines Tages nimmt mich das erste Frühlingslüftchen mit." Und dann die Grabrede, für die sie offenbar ihre Lebensdaten beschönigt hatte. Spektakulär.

Nun verstarb die 102-Jährige Schwiegeroma. Abgesehen von ihrer bemerkenswerten Rüstigkeit, war sie jahrelang zerrissen, wollte tot sein und hatte zugleich Riesenangst vor dem Sterben. Als es so weit war, stellte sich heraus, dass sie alles minutiös geplant hatte: Die vergoldete Urne mit der individuellen Aufschrift, die mit Bergen rosafarbener Rosen behäuft wurde. Die Urenkelin, die ein Gedicht vorlesen musste, das ihr, der Jungen, den Abschied erleichtern sollte. Im Anschluss der Leichenschmaus nach Vorschrift in der Dorfschänke. Beim Bezahlen dann die Überraschung: Statt mit einer Rechnung tauchte der Wirt mit mehreren hundert Euro Wechselgeld auf.

Fantastisch, wie diese Frauen uns im Griff hatten, wie sie ihren letzten großen Auftritt inszenierten. Doch zum ersten Mal wäre ich lieber ein Mann.

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