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Pianist Igor Levit ist sehr präsent in sozialen Medien. Auch äußert er sich zu explizit außermusikalischen Themen. Für den Musikkritiker Helmut Mauró ein Affront.

Times mager

Levit

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Ein Kritiker beginnt mit der Klavierkunst Igor Levits und landet bei Twitter. Beispiel einer erzkonservativen Cancel Culture.

Offenbar mehr als eine Sache verpasst in der zweiten Hälfte der vergangenen Woche. Prominent platziert im Feuilleton der „Süddeutschen Zeitung“ hat zum Beispiel der Musikkritiker Helmut Mauró mächtig und grundsätzlich gegen den Pianisten Igor Levit ausgeholt. Hören wir kurz rein. „Levit, der sich gern aufs spielerisch Unverbindliche verlegt, dann wieder auf ein theatralisch vorgetragenes Pathos, das einen eigenen Resonanzraum bildet“, und dessen „aktuelle Einspielung der Beethoven-Sonaten eher unerheblich“ ist. Das ist nicht angenehm, aber so ist das in der Musikkritik, einem weiten Feld, das immer nur dazu dienen kann, Hinweise für die Schärfung des eigenen Ohrs zu finden.

Zu diesem Thema wäre viel zu sagen, aber der Artikel nimmt eine andere Wendung. Sie können das im Netz leicht nachlesen. Der Autor arbeitet sich nun an Twitter als solchem ab – „Es hat sich da ein etwas diffuses Weltgericht etabliert, deren Prozesse und Urteile in Teilen auf Glaube und Vermutung, aber auch auf Opferanspruchsideologie und auch regelrechten emotionalen Exzessen beruhen. Es scheint ein opfermoralisch begründbares Recht auf Hass und Verleumdung zu geben …“ Nun stolpert selbst die Twitter eiskalt gegenüberstehende Leserin hier doch über die zweifache (gereizte) Verwendung des Wortes „Opfer“. Was ist damit gemeint, wenn es nicht meint, dass „Opfer“ sich immer so haben, aber bitte nicht so haben sollten.

Auch zu diesem Thema ließe sich viel sagen, aber jenseits von Klatsch und Tratsch und der Frage, was alles so gedruckt wird, ist der Artikel aus einem anderen Grund interessant. Weil der Autor es Levit verübelt, dass er twittert und zwar viel und über explizit außermusikalische Themen (viel lieber ihm der Kollege Daniil Trifonov, der „sich auf ein paar private, vor allem aber künstlerisch bestimmte Tweets beschränkt“ und außerdem über ein „perfektes Legato“ verfügt). Auch nimmt er Levit das Bundesverdienstkreuz übel, welches er übrigens auch dem Bundespräsidenten übel nimmt. „Neulich gab es noch das Bundesverdienstkreuz des um schmucke Künstlerkontakte stets bemühten Bundespräsidenten.“

So. Es ist eine uralte, aber offenbar weiterhin gerne und nicht nur in sektiererischen Kreisen angeschlagene Leier, Künstlerinnen und Künstlern ihre womöglich gar noch linke politische Haltung um die Ohren zu hauen und ihnen en passant (ohne das direkt in einen Kausalzusammenhang zu stellen) die höheren künstlerischen Weihen abzusprechen. Ferner gehört dazu, der Politik ausgerechnet zu verübeln, die Nähe zu solchen politisch linken Künstlerinnen und Künstlern zu suchen. Uns Älteren, zu denen der SZ-Autor auch gehört, ist der Umgang mit Günter Grass und Ernst Jünger in dieser Hinsicht noch wohlvertraut. Jesses, war das nervig und ist das lange her.

Da Widerspruch durch die Verquickung mit einer künstlerischen Demontage deutlich erschwert wird, schraffen wir hier beiläufig an Facetten einer erzkonservativen Cancel Culture, die wirklich nicht auf die Erfindung des Internets warten musste.

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