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Mike Pence läuft immer ein bisschen hinter seinem Chef Donald Trump.

Times mager

Was lernt Mike Pence aus „Hamilton“?

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Der künftige US-Vize-Präsident Mike Pence ist beim Musical-Besuch ausgebuht worden. Das Stück soll ihm gefallen haben. Das muss den Feuilleton-Teil der Zeitung nachdenklich machen.

Tequila Sunrise“, ein zu Recht nicht mehr häufig erwähnter Film aus dem Jahr 1988, brachte es damals an den Tag. Die US-Studentinnen waren zu Tränen gerührt, als das angesichts des Gesamtverlaufs idiotische Happyend um die Ecke ächzte. Die deutschen Studentinnen rollten mit den Augen. Die US-Studentinnen waren beeindruckt von der differenzierten Figurenzeichnung. Die deutschen Studentinnen wollten sofort eine Rainer-Werner-Fassbinder-Spätvorstellung aufzusuchen.

Jedenfalls ist nicht sicher, ob Lin-Manuel Mirandas Musical „Hamilton“, das aktuelle Muss-man-gesehen-Haben-Stück der New Yorker Theaterwelt, einen so mitreißen könnte, wie es in den vergangenen zwei Jahren den Zuschauern im stets ausverkauften Hause – Tickets darum um die 1000 Dollar – widerfuhr. Erzählt wird aus dem Leben des Staatsmanns Alexander Hamilton: klassische „weiße“ US-Gründungsgeschichte, hier jedoch auf Hip-Hop-Basis präsentiert von einem Ensemble, in dem Afroamerikaner und Latinos auch in den Hauptrollen mitwirken. Javier Muñoz, der im Sommer die Titelrolle übernahm, spricht über seine Homosexualität so offen wie über seine HIV-Infektion.

Das alles reichte schon vor der Hochphase der Präsidentschaftwahlschlacht für eine Sensation (es folgten elf Tonys, ein Grammy und ein Pulitzer), im Wahlkampf selbst bekannte sich das Ensemble mit Vehemenz und dem Gewicht des „anderen“ Amerika zu Hillary Clinton. Auch Obama und Dick Cheney sahen sich „Hamilton“ an und äußerten sich begeistert. Dieses eine einzige Mal sei man einer Meinung, so Obama.

Am Freitagabend, mancher wird es schon mitbekommen haben, besuchte nun auch der künftige Vize-Präsident Mike Pence eine Vorstellung. Pence, der Homosexualität für eine Sünde hält, wurde von Teilen des Publikums ausgebuht. Nach der Show wandten sich die Schauspieler an ihn. Zu buhen gebe es nichts, sagte einer der schwarzen Hauptdarsteller. Er hoffe, der Abend habe Pence „dazu inspiriert, unsere amerikanischen Werte aufrechtzuerhalten und für uns alle zu arbeiten“.

Eine sehr amerikanische Situation, man kann sie sich im Internet anschauen. Unwahrscheinlich, dass Pence – der ging, aber im Foyer zuhörte – sich belehren lässt. Kurios bleibt, dass Beobachter berichten, das Stück habe ihm offenbar gefallen, er habe gelacht und applaudiert. So dass sich der Feuilleton-Teil der Zeitung die Frage stellen muss, ob es wirklich Politiker gibt, die Theater für etwas halten, das überhaupt nichts mit dem Leben dort draußen zu tun hat. Eine weitere schreckliche Vorstellung inmitten so vieler schrecklicher Vorstellungen.

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