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Einige Bücher müssen aus dem Büro fort, etwa in die Wohnung. Nicht dass dort Platz wäre.

Times mager

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Die FR-Redaktion, Sie werden davon gelesen haben, auch an dieser Stelle schon, ist umgezogen. Das Feuilleton ist bei solchen Aktionen ein besonders leidtragendes Ressort. Die Kolumne „Times mager“.

Alfred Polgar hat zu Recht festgestellt, dass „wir“ immer noch weiterschreiben werden, wenn „die anderen“ längst nicht mehr lesen. Da es leider nicht möglich war, die Textstelle in der schönen Rowohlt-Ausgabe der „Kleinen Schriften“ wiederzufinden – es gelang vorläufig auch nicht, die Ausgabe wiederzufinden –, kann hier nur spekuliert werden, dass Polgar mit „wir“ uns meinte, die schreibenden Leute halt. Wenn diese zugleich Freundinnen und Freunde des gepflegten Romans sind, werden sie beim gegenwärtigen Durchblättern der Verlagsprospekte einen solchen Eindruck allerdings teilen und die tragische Seite empfinden. Selbst wenn die anderen, Lesenden, also ebenfalls wir, brutal und pflichtvergessen lesen, lesen und nochmals lesen würden, könnte die Zeit nie ausreichen. Und selbst wenn die Zeit durch ein unaussprechliches Wunder doch ausreichen würde, hätte die lesende Person nicht genug davon.

Denn bekanntlich weiß man nach einiger Zeit über gelesene Bücher wenig mehr als das, was man woanders darüber gelesen oder gehört haben könnte. Darauf basiert Pierre Bayards „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat“ (klug, den springenden Punkt im Titel unterzubringen!), dessen Clou sogar ist, dass es am Ende egal sei, ob man es gelesen habe oder nicht.

Natürlich ist das eine Übertreibung, aber angenehmer wäre es, wenn es noch viel, viel übertriebener wäre. Die FR-Redaktion, Sie werden davon gelesen haben, auch an dieser Stelle schon, ist umgezogen. Das Feuilleton ist bei solchen Aktionen ein besonders leidtragendes Ressort, denn es muss bücherschrankweise Bücher mitnehmen oder eben nicht. Wer in Frankfurt umzieht, wem sage ich das, wird jedes Mal noch etwas weniger Platz haben als vorher. Auch bricht sich Frankfurts preußische Phase in solchen Momenten durch selbstdisziplinierende Maßnahmen Bahn: Einige Bücher müssen aus dem Büro fort, etwa in die Wohnung. Nicht dass dort Platz wäre. Jedenfalls will man doch wenigstens die Titel behalten, die man persönlich durchgelesen hat. Hier nun zeigte sich, dass alles noch viel schlimmer ist als angenommen. Es gibt Bücher, die nicht nur persönlich gelesen, sondern auch mit Anmerkungen versehen und sogar REZENSIERT wurden, ohne dass man davon nach sieben Jahren noch wüsste. An einem Seitenrand stand der Hinweis: „unbedingt erwähnen“. Der blanke Hohn.

Das Durchblättern der Prospekte: Das ist auch so eine Floskel, hinter der ein knallharter Vorgang steckt. Anstrengend für die eine Seite, mörderisch hingegen für all die Bücher. Für einen Ausgleich sorgt nur, dass die Bücher uns physisch mit Glück bei weitem überleben und auf künftige Leser setzen können.

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