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Pippi Langstrumpf ist auf Platz 18 der meistverkauften Bücher.
Pippi Langstrumpf ist auf Platz 18 der meistverkauften Bücher. © imago/United Archives

Kinder lesen viel mehr anständige Bücher, als Erwachsene ihnen gemeinhin zutrauen. Erwachsene hingegen, obwohl sie größer und älter, bevorzugen Titel wie "Superrätselblock".

Dieser Tage hat sich herausgestellt, dass „Gregs Tagebuch“ der auf dem deutschen Buchmarkt meistverkaufte Titel der vergangenen fünf Jahre war. Ausgerechnet hat das die Firma GFK Entertainment, und auch wenn sie keine Zahlen nennt, ist es doch ganz imposant, dass neben Jeff Kinneys Reihe noch sieben weitere Kinder- bzw. Jugendbuchtitel auf die Liste der Top 20 kamen.

Gleich auf Platz 3 zum Beispiel Jens Siegners „Kleiner Drache Kokosnuss“, der mit „Gregs Tagebuch“ E.L. James’ „Fifty Shades of Grey“ einrahmt. Denn die Erwachsenen (die vielleicht eh heimlich ebenfalls „Gregs Tagebuch“ lesen) sind mit nicht zu komplizierter Literatur vertreten, machen wir uns nichts vor, und die Plätze 11, 13, 14, 16, 18, 19 besetzen wieder Kinderbücher, inklusive Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumpf“ und „Ronja Räubertochter“, die sich Platz 18 teilen. Sie sind zwar auch nicht in dem Sinne kompliziert, aber Kinder dafür kleiner und jünger als Erwachsene.

Erwachsene, größer und älter, hätten ohne weiteres Günter Grass’ „Blechtrommel“ im Verein mit dem „Butt“ weit nach vorne bringen können, wenn sie nur gewollt hätten. Stattdessen bevorzugten sie Eberhard Krügers „Superrätselblock“, bei dem es sich nicht um einen unorthodoxen Thriller aus dem Atomkraftmilieu handelt, sondern um einen Block mit besonders vielen Rätseln, dessen 109 Band am Montag herauskam.

Interessant ist daran ja nur die Beharrlichkeit, mit der der jeweiligen Jugend von heute bis heute vorgeworfen wird, nichts Anständiges zu lesen. Dabei hat „Gregs Tagebuch“ zwar viele Bilder, ist aber durchaus anständig. Auch der „Superrätselblock“ ist natürlich anständig. Vielleicht ist anständig einfach nicht das richtige Wort, aber die Erwachsenen haben damit angefangen.

Am Ende steht die Frage im Raum, warum die Menschen es nicht als irrsinnig vorrangig empfinden, ob zum Beispiel Eduard und Ottilie am Ende doch noch gemeinsam glücklich werden können (er ist mit Charlotte verheiratet, trotzdem ist alles sehr anständig). Sie lässt sich leider nicht leicht beantworten. Ebenso wenig die Frage, ob es die Menschheit voranbringen würde. Der britische Autor Jasper Fforde hat in seinen (anständigen, nur ein klein bisschen komplizierten) Thursday-Next-Romanen bekanntlich ein Paralleluniversum entworfen, in dem mit Weltliteratur deutlich engagierter umgegangen wird, als es hierzulande üblich ist. Dieses Engagement birgt Tücken und führt u. U. ins Terroristische.

Jedoch brachte auch das regelmäßige Lösen von Kreuzworträtseln der Welt bisher keine ernsthafte Wendung zum Guten.

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