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Times Mager

Leinwand

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Es gibt viele Möglichkeiten, sich zum Witz zu bekennen. Das gilt nicht nur für Witzbolde.

Österreichreisen befördern oft die Heiterkeit. Fun fact heute: Unternehmen beschäftigen dort gar nicht allzu selten einen Witzechef, gern auch einen Witzedirektor, Vereine häufig sogar einen Witzepräsidenten, und in ausgesuchten Kommunen arbeiten Witzebürgermeister.

Kein Wunder, dass das Leben dort leicht und fidel anmutet, geradezu leiwand, wie die Österreicher sagen. Auch das ein Begriff, den sie exklusiv haben und von dem man im Übrigen nicht so genau weiß, wo er herkommt. Fragt man sie, die Österreicher, sagen sie nur: „Leinwand“ und kichern, als wäre es ein Scherz, bleiben aber im weiteren Verlauf der Unterhaltung, wenn auch kichernd, bei ihrer Aussage.

Nachschlagewerke bestätigen sie darin. Leinen sei einst kostbar gewesen, heißt es, das Wiener Bürgerspital (!) habe zu Ehren des Stoffs ein „Leinwandbier“ gebraut und kredenzt, heißt es, und wenn dann jemand für irgendetwas mit der Bemerkung „des is leiwand“ warb, habe dies bedeuten sollen, dass der gerühmte Gegenstand so gut sei wie das Bier. Heißt es. Das war vor rund 600 Jahren. Heute fragt man sich, warum der gerühmte Gegenstand den Umweg über das Bier nehmen musste und nicht gleich als so gut wie die Leinwand gelten konnte. Zur Heilwirkung des Bieres im Wiener Gesundheitswesen einst und gegenwärtig hätte man auch ein paar Fragen. Aber die stellt man lieber beim Heurigen als im Spital.

Zurück zum Witzepräsidenten. Der Wiener, der dieses Prädikat quasi-offiziell trug, hieß Maxi Böhm und wäre momentan 100 Jahre alt, wenn ihn nicht 1982 ein Herzinfarkt umgebracht hätte. Seinerzeit, sagt man, habe er in dem Stück „Schau’n Sie sich das an“ insgesamt 22 Rollen gespielt und nebenher noch den Schmierentheaterdirektor Emanuel Striese im „Raub der Sabinerinnen“ von Franz und Paul von Schönthan, sagt man. Obendrein habe er in seiner Sammlung 80 000 Witze verwaltet. Wenn einer da keinen Herzinfarkt bekommt, wovon dann?

Die Fernsehsketche, in denen sich Maxi Böhm als Gast eines ansonsten menschenleeren Kaffeehauses mit dem Ober zankte, dürften als Wiege der meisten Herr-Ober-Witze nicht zu schlagen sein. Insofern ist das Prädikat Witzepräsident vollauf verdient. Alle anderen, die sich so nennen, sind nur das, wozu die Amerikaner Weißpräsident sagen, weiß Gott, wieso.

Den Anlass zu dieser kleinen Betrachtung präsentierte Ihnen Eintracht Frankfurt, Deutscher Witzepokalsieger 2017.

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