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Times Mager

Die Lehrerin

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Seit 14 Monaten hat die alte Schriftstellerin ein neues Leben. Das Leben wurde ihr geschenkt nach tagelanger Bewusstlosigkeit. Aber es sieht vor, dass Andere eindringen in ihren Tagesablauf. Von Sylvia Staude

Seit 14 Monaten, sagt die alte Schriftstellerin, habe ich ein neues Leben. Das Leben wurde ihr neu geschenkt nach tagelanger Bewusstlosigkeit. Aber es sieht vor, dass Andere regelmäßig eindringen in ihren Tagesablauf, in ihre Wohnung. Die alte Dame spricht nicht von Eindringen, denn sie hat längst begonnen, sich mit den Anderen zu arrangieren. Und sie hat für sich eine Aufgabe gefunden: Für eine Fair Lady aus Guadeloupe, die bei ihr sauber macht, gibt sie eine Professorin Higgins.

Gemerkt, dass hier eine Herausforderung wartet, hat sie, als die junge Frau eine der Bücherwände aufräumte: Bei allen mehrbändigen Werken stand danach ein Band unten und war der Rest als offenbar überflüssig ganz nach oben geräumt. Alban Berg hätte ich also in meinem Musiklexikon nachschlagen können, sagt die alte Dame, für Strawinsky hätte ich erst auf eine Leiter steigen müssen - was ich nicht darf.

Sie kochte Tee, sie lud die junge Frau ein, sich eine Weile zu setzen. Sie erklärte ihr, dass Bücher manchmal aus mehreren Bänden bestehen. Es stellte sich heraus, dass die Fair Lady zwar bis zum Alter von 18 Jahren auf die Schule ging (auf eine französische), aber des Lesens kaum mächtig ist. So verbindet sich inzwischen jedes Putzen mit einer kleinen Schulstunde. Manchmal muss sich die alte Dame vorher selbst schlau machen und sie klingt froh, dass sie das noch kann. Die Sache mit den Zeitzonen zum Beispiel, die hat sie vorher noch mal nachgelesen. Denn jüngst stellte sich raus, dass die junge Frau zwar noch jede Menge Verwandte in Guadeloupe hat, aber nie entdeckte, dass diese in einer anderen Zeitzone leben. Ja, dass es so etwas überhaupt gibt. So gab es an einem Tag zum Tee: Zeitzonen.

Nächstes Mal, sagt die alte Schriftstellerin und lacht hell wie ein Mädchen, nächstes Mal werde ich ihr erklären, wer Lady Macbeth ist. Diese Frage stellte sich, als ihr die Bemerkung rausrutschte, morgen komme ja auch wieder Lady Macbeth. Denn zwar mag die alte Dame ab und zu gern die Lehrerin geben. Aber sie hat in ihr neues Leben die Schärfe und den sie selbst nicht ausschließenden Spott mitgenommen, die ihr altes auszeichneten. Und die Frau vom sozialen Dienst, findet sie, ist ihre Lady Macbeth, die sie zu Taten drängt.

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