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Times Mager

Lehrer Lämpel

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Meine Mutter sieht mich hilflos an. Sie liegt im Bett. Seit Monaten in Quarantäne. Ich mit zu engem Plastikkittel, platzenden Latexhandschuhen und einem viel zu dünnen Mundschutz. Von Arno Widmann

Meine Mutter sieht mich hilflos an. Sie liegt im Bett. Seit Monaten in Quarantäne. Ich mit zu engem Plastikkittel, platzenden Latexhandschuhen und einem viel zu dünnen Mundschutz. So sehe ich jeden Tag aus, wenn ich sie besuche. Aber heute erkennt sie mich nicht. Als ich sie betont freudig und ein klein wenig zu laut mit "Hallo Mutti, wie geht's?" begrüße, sieht sie mich freundlich an und sagt: "Ach Herr Doktor, es geht. Es muss gehen." Nach einer Weile hat sie meine Fragen dicke und fragt selbst: "Wie geht es Ihnen?". "Aber ich bin es doch! Arno, Dein Sohn!" Sie lässt sich nicht beirren: "Sehr schön. Gefällt es Ihnen hier?" Mir wird es zu anstrengend und zehn Minuten lang unterhalten wir uns sehr angeregt über die beiden italienischen Prinzessinnen, die auf ihrem Beistelltisch stehen. Für den profanen Blick sind es die Schnabeltassen, aus denen sie trinkt, aber für sie sind es zwei entzückende junge Mädchen, die ihr noch nicht einmal besonders klein vorkommen.

Dann erzählt sie mir, dass die beiden gerne mit dem hölzernen Lampenkreuz, das an der Decke hängt, auf die Straße gehen. Sie tragen es auf dem Kopf. Ich erinnere mich an Jul-Fest-Bräuche und nicke heftig. "Ja, haben Sie sie denn auch gesehen?" Ich schüttele den Kopf. Lügen will ich denn doch nicht. Wenn ihr Traum, Vorstellung und Wirklichkeit so geballt durcheinander gehen, dann will ich doch ihr das Bollwerk des von mir sonst gerne belächelten Realitätsprinzips sein.

Aber sie kauft mir mein Nein nicht ab. "Andrian trägt die Lichter auch gern", grinst sie schlau. Aha, denke ich, jetzt weiß sie wieder, dass ich ihr Sohn bin. Sonst käme sie mir nicht mit dem meinen. "Den haben sie doch bestimmt gesehen!", fügt sie jetzt hinzu. Das Sie klingt nicht auftrumpfend, sondern zwanglos echt.

Ich erkläre ihr noch einmal, sehr langsam und mit einer Stimme wie von Lehrer Lämpel: "Ich bin Dein Sohn. Ich bin Arno. Du liegst seit Monaten in diesem Bett. Das sind keine italienischen Prinzessinnen sondern zwei Krankenhaus-Schnabeltassen. Du musst mich nicht siezen. Ich war schließlich mal dein Fleisch und Blut." Sie ist dünn geworden, und so wirken ihre Augen riesig. Mit denen sieht sie mich jetzt verblüfft an. Dann lacht sie und sagt: "Das muss ich meinem Sohn sagen. Das wird Spaß machen. Er wird laut lachen darüber."

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