Eine uralte Linde zählt zu den schöneren Anblicken in G..
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Eine uralte Linde zählt zu den schöneren Anblicken in G..

Times Mager

Lehren in G.

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Der Ort, direkt am Rhein, ist eigentlich recht ansehnlich, wären das nicht die Fenster in Fachwerkhäusern.

Im Lehrgarten von G., am Ortsrand von G., wo man den Rhein ganz in der Nähe weiß (aber nicht sieht), doch die Rheinuferstraße rauscht, blühen die Rosen. In einer Pergola aus Beton und Holz tut dies die „Kletterrose Dortmund“, gerahmt von „Manita“, „Sympathie“ und „Parkdirektor Riggers“.

Nicht dass es vom Ortsrand von G. in den Ortskern von G. ein dornenreicher Weg wäre – aber in G. ist die Zeit, so darf man es wohl sagen, nicht stehengeblieben, sobald man sieht, wie in dem recht angenehmen Ort in die ältesten, rund vierhundert Jahre alten Häuser vor vier Jahrzehnten die damals schicksten Fenster eingezogen sind, der letzte Schrei, ja, es ist zum Aufjaulen!

Der Zuzug von Kunststofffenstern in Fachwerkhäuser ist ein Kontrast, über den sich nicht so ohne Weiteres hinwegsehen lässt, wenn man durch den Ort schlendert. Glatt drüber hinweggehen ließ sich aber doch, denn sonst wären die falschen Fenster nicht hineingebrochen worden in die authentischen Häuser, so dass in den Erdgeschosszonen nicht mehr die angemessenen Formate, gerahmt durch farblich abgesetzte Laibungen, zugegen sind. Vielmehr wurden Schaufenster wie Kaventsmänner in die Außenmauern hineingedübelt, ohne dass ein vernünftiger Mensch oder ein Denkmalschützer gesagt hätte: So nicht! Vor 40 Jahren, als nicht nur eine Sanierungswelle durch Deutschlands Dörfer und Ortschaften schwappte, sondern auch, als Reaktion auf diesen Tsunami, ein Slogan: Unser Dorf soll schöner werden.

Eine Steigerungsform des Schönen bilden in G. einige Profanbauten, einige sind in einem erbärmlichen Zustand. Unter den Mansarddächern von G., die etwas ziemlich Altes sind und die über die Geschichte von G. Aufschluss geben, sind ganz andere Häuser ansässig geworden. Auch sie gehören zum Ortsbild, das G. den Eintrag in gehobene Kunstführer verschafft hat, denn in G. gibt es nicht nur einen gotisch-neogotischen Dom, und ein Rathaus im Rundbogenstil, sondern gegenüber eine uralte Linde, deren 700 Jahre alte Äste weit ausladen. Von einem gusseisernen Gerüst werden sie gestützt, vielleicht weil das Naturdenkmal mittlerweile ächzt. Aber auch zum Zeichen, dass einst ein Holzboden in die Linde hineingebaut war, etwas zum Tanzen, zum Toben, hoch droben.

G. ist ein schon älterer Ort, die Weinbauern haben ihn reich gemacht, die Superreichen ließen barock bauen, ein bisschen Biedermeier zum Zuge kommen, fanden Klassizismus schick. Bürger machten es dem Adel nach, bauten neogotisch, mit Erker und Stufengiebel. Als die Postmoderne vor 40 Jahren dann auch durch den Ortskern von G. zog, war ihr praktisch sehr viel ein Dorn im Auge.

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