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Lebenslang

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Von: Stephan Hebel

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Hält viel aus: der Papierkorb.
Hält viel aus: der Papierkorb. © Imago

Der Papierkorb ist besonders solide. Das Designer-Bett war es leider nicht.

Dieses Times mager sollte ganz anders anfangen, und zwar so: „Die gut erhaltene 78-Jährige hatte sich einen neuen Papierkorb gekauft.“ Aber das muss kurz warten, wir beginnen stattdessen mit einem Zitat aus dem Internet: „Im Sommer 2016 ist unser anderthalb Jahre altes Bett ,livin ancona‘ zusammen gebrochen.“ Frage: Mit wem zusammen ist (oder hat) das Bett gebrochen? So viel (und keineswegs „soviel“!) zum Getrenntschreibungs-Unsinn. Aber jetzt zur Sache.

Die gut erhaltene 78-Jährige hatte sich einen neuen Papierkorb gekauft. Allerdings: Finden Sie nicht auch, dass „gut erhalten“ für eine höchst elegante Dame irgendwie seltsam klingt? Als wäre sie ein anderthalb Jahre altes Bett „livin ancona“? Nur besser erhalten?

Also: Die höchst elegante, frisch und jung wirkende 78-Jährige hatte sich einen neuen Papierkorb gekauft, und mit erstaunlicher Fröhlichkeit flötete sie: „Der war ein bisschen teuer, aber solide ist er. In diesem Leben brauche ich keinen Papierkorb mehr.“ Auch nicht ganz richtig, sie braucht den Papierkorb natürlich, sonst hätte sie ihn nicht gekauft, aber eben nur den, denn er wird, so glaubt sie, ihr ganzes Leben lang halten. Lebenslang.

Und schon sind wir beim Thema: Lebenslang! Gehen Sie mal in ein Möbelhaus, Betten- oder Küchenabteilung, und schauen Sie an die Wand. Da steht, was das Möbelhaus alles zu bieten hat, unter anderem: „Lebenslangen Kundendienst“.

Ohne der frischen und fröhlichen 78-Jährigen zu nahe zu treten: Für Menschen, die so jung sind, wie sie aussieht, oder sogar noch jünger, ist das ein gewagtes Versprechen. Was, wenn eine gesunde 30-Jährige eine Küche kauft? Wissen die beim Möbelhaus überhaupt, was sie versprechen?

Weitere Fragen schließen sich an: Wenn mir ein lebenslanger Kundendienst zur Verfügung steht, gilt das nur für meine Küche (mein Bett)? Oder kann ich Rundum-Betreuung erwarten zumindest im Raumausstattungs-Bereich? Und was, wenn meine Lebensdauer diejenige des Möbelhauses übersteigen sollte?

Hier wird übrigens nicht verraten, wo die Besitzer des Bettes „livin ancona“ sich ihre Möbel zusammengekauft bzw. zusammen gekauft haben bzw. beides. Unbekannt ist dem Times mager auch, ob sie für das Bett zusammengelegt oder sich in dasselbe zusammen gelegt haben oder beides.

Sicher ist nur, dass sie vorhatten, den lebenslangen Kundendienst in Anspruch zu nehmen. Dann gab es allerdings ein böses Erwachen, um im Bild zu bleiben, denn der lebenslange Kundendienst galt nur für die Lebensdauer des Bettes. Und das war gerade „zusammen gebrochen“, also quasi tot.

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