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US-Comedian Marc Maron produziert den preisgekrönten Podcast „WTF“.

Times mager

Lauschgift

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Peinlich, wenn an den Ohren die Disco-Beleuchtung flackert und nicht auszuschalten ist ...

Der beste Einsatzort ist jener, an dem sowieso alle die Ohren verstopft haben, während sie Gewichtstangen würgen, über Seile hoppeln, ächzend klimmziehen, kniebeugen, liegestützen, upsitten – jener Ort also, an dem sich alle zur Leibesertüchtigung treffen und dabei mit Pumpi-pumpi-pumpi-Musik aus den Lautsprechern gequält werden.

Dort nämlich, wo die meisten Sportler mit ihrer eigenen Pumpi-pumpi-Musik aus den Ohrstöpseln gegen das große Ganze anpumpen, ist es gleich dreifach sinnvoll, sich etwas Schlaues erzählen zu lassen: 1. lernt man was, 2. geht die Zeit des Hoppelns, Stützens, Sittens schneller rum, 3. hört man die allgemeine Pumpi-Katastrophe nicht mehr. Oder fast kaum noch.

Man kann es aber auch beim Wandern tun, auf der Fahrt zur Arbeit oder im Angesicht einer Scheibe Brot: Podcasts hören. Das sind gesprochene Wörter, die jemand der Welt im Internet hinterlassen hat, auf dass sie, die Welt, sie, die Wörter, aus ihm, dem Internet, hole und höre. Hilfreich dabei sind ein Telefon samt entsprechendem Empfangsprogramm (App), die erwähnten Ohrstöpsel bzw. Kopfhörer sowie „Ohren am Kopf – und Geduld und die Gabe oder zumindest der Wille zum Zuhören“, wie ein kluger Kollege jüngst in einer Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung schrieb.

Es soll Leute geben, die inzwischen zwei Bluetooth-Kopfhörer, drei Paar Bluetooth-In-Ear-Stöpsel plus Ladekabel angeschafft haben, damit bloß immer etwas zur Verfügung steht, mit dem sich Podcasts komfortabel horchen lassen. Dass am ersterworbenen Kopfhörer rechts und links Disco-Beleuchtung flackert, die nicht abschaltbar, nur leidlich abklebbar ist … peinlich. Aber bitte, er hat keine zehn Euro gekostet.

Drinnen, in den Ohren, in den Podcasts, erzählen Leute, wie das jüngste Fußballspiel des Herzensvereins gelaufen ist, das man natürlich selbst gesehen hat, sich aber gern noch mal schildern lässt, samt Bewertung, warum es grad so gut läuft oder wieso es demnächst wieder besser laufen könnte, und samt möglichst viel Blödsinn. Andere erzählen sieben Folgen lang, wie sie mal einen verrückten Anhalter mitnahmen und immer mehr Wildwuchs aus seinem Leben erfuhren. Andere erzählen Kulturelles, Politisches, was sie bereits live im Radio erzählten, noch einmal für jene, die keine Zeit hatten, live dabei zu sein (weil sie vermutlich gerade Podcast hören mussten). Andere entlocken Prominenten in Interview-Podcasts das Privateste aus ihrem Leben.

Hört, hört. Und schräg – vor einer Weile dachte man noch: Wer hat denn heutzutage die Zeit, drei Stunden langen Gesprächen anderer Leute zu lauschen? Ging dann doch.

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