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C'est rien.

Times mager

Lack

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Von Autos, die aneinander fahren, und Fahrern, die unterschiedlich damit umgehen.

Irgendwann begannen die Menschen, die Stoßstangen ihrer Autos in der Wagenfarbe zu lackieren. Da war dann generell nicht mehr viel zu retten.

Zuvor hatten bereits die Kaffeeröster ihre Kompetenzzone verlassen. Sie setzten nicht mehr auf schmackhaften Kaffee, sondern verkauften in erster Linie Gegenstände aus Kunststoff, die im Gebrauch schneller kollabierten, als eine Tasse „Feine Bohne“ getrunken war. Später sollten Clowns, Schauspieler und Lügenbarone bei politischen Wahlen absahnen, und wenn sie damit fertig wären, würden sie freiwillig in den Busch gehen mit dem Ziel, dort coram publico die Körperflüssigkeiten wildlebender Tiere … aber das gehört nicht hierher. Wirklich nicht.

Um aufs Thema zurückzukommen, Mitte der 80er Jahre ereignet sich ein kaum spürbarer Auffahrunfall. Vorn: die baden-württembergische Limousine eines Herrn von Welt. Hinten: der französische Rosthobel eines Studenten von Neuer Philologie. Dazwischen: eine Stoßstange von Metall mit praktischem Gummieinsatz an der zu erwartenden Begegnungsstätte.

Beide Unfallpartner steigen aus. Einschätzung des Studenten: Puh, nichts passiert. Einschätzung des Herrn: Moment, da ist aber der Gummi eingedrückt. Objektive Bewertung der Sachlage durch einen unabhängigen Zeugen (Kindergartenkumpel des Studenten, auf den Knien hinter der Limousine): Wo ist da der Gummi eingedrückt? Da ist nichts eingedrückt. Da sieht man nicht mal was mit dem Mikroskop.

Was beweist: Gummi ist ein dehnbarer Begriff, der zugehörige Artikel variabel.

Worauf der Herr die Polizei ruft. Worauf der Stau hinter dem Unfall für die nächsten vier Stunden im Verkehrsfunk (hier noch Servicewelle genannt) erscheint. Worauf die Polizei kommt, den Herrn zunächst nach dem Anlass seines Notrufs und (beim Blick auf den Gummi) nach seinem Geisteszustand fragt: Haben Sie sie eigentlich noch alle? Worauf der Herr, statt in die Gummizelle, in die Werkstatt fährt und bald die fällige Rechnung schickt: 200 Mark. Worauf die Versicherung des Studenten sagt: Selbst zahlen oder im Tarif hochstufen lassen; Letzteres liefe auf 800 Mark hinaus. Was wählen Sie? Worauf die Rund-ums-Auto-Industrie erkennt: Mit lackierten Stoßstangen ließe sich eigentlich noch viel mehr verdienen als mit Gummi.

In demselben Sommer rumpelt der Student nach 17-stündiger Landstraßenreise ermüdet einem 2CV in einer südfranzösischen Küstenstadt hinten drauf. Die Fahrerin, eine elegante Dame, steigt aus, lächelt und sagt: C’est rien.

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