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Auch während der Theateraufführung hat der Mensch etwas zu sagen.
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Auch während der Theateraufführung hat der Mensch etwas zu sagen.

Times mager

Kutsch

Der Mensch hat etwas zu sagen, also sagt er es. Auch während der Theatervorstellung. Und wenn er nur beseelt und stolz die Zeile zu Ende spricht.

Der Mensch will mitdenken und mitreden. Er ist informiert, er hat auch etwas kombiniert, er ist drauf gekommen. Und er hat eine Stimme, es auszusprechen, und das Recht dazu. Die anderen sollen es ruhig hören. Der mitdenkende und mitredende Mensch hat nichts dagegen, dass die anderen merken, dass er nicht von gestern ist.

Wenn auf der Bühne also eine Figur wie von ungefähr zur anderen sagt: „Ri-ra-rutsch, wir fahren mit der ...“, dann werden vier, fünf Zuschauerinnen und Zuschauer vernehmlich sagen: „Kutsch“. Es entströmt ihnen aus Freude an dem gemeinsamen kulturellen Hintergrund, was Fortbewegungsmittel und das Faible für Endreime betrifft (ein passabler Stabreim wäre ebenfalls denkbar, Reisebuskette Rudi Ross, dann würde sogar der Artikel noch stimmen).

Dieses aus dem Leben gegriffene Beispiel ist besonders glücklich, weil man den „Kutsch“-Rufern nicht einmal Angeberei vorwerfen kann. Was zum Beispiel möglich ist, wenn der Schauspieler, der den Faust darstellt, aus spannungstechnischen Gründen lange zögert, bevor er sein Bekenntnis zum Versagen des Ersten Bildungswegs zu Ende bringt. Mit einer grammatischen Kühnheit zudem, die dem Frankfurter von Herzen kommt und nur so über die Zunge perlt. „Kutsch“ dürften 98 Prozent der Theatergänger rufen können (KÖNNEN!), „als wie zuvor“ hingegen: 90?

Faust zurufen, wie gut man seinen Goethe kennt

In einer vor langer Zeit besuchten Inszenierung, in der der Regisseur den Einfall hatte, Faust könnte es bei dem „und bin“ belassen – eine existenzielle Aussage immerhin –, brach einige Unruhe im Saal aus, weniger Unmut als Beunruhigung. Sogar mit einem gewissen zeitlichen Abstand riefen zagende Zuschauer dem Nachbarn sowie dem längst mit anderem befassten suizidalen Gelehrten ermutigend den korrekten Satzschluss zu. Menschen, die willens waren, ihre Goethe-Kenntnisse mit Faust zu teilen.

Die aufgeweckte Inszenierung von heute wird selbstverständlich pfiffig damit umgehen. Während es aus dem Publikum noch fröhlich „Kutsch“ kräht, wird der Schauspieler „Limousine“ sagen. Und ich schwöre Ihnen, wenn im nächsten Akt dieser Spaß erneut aufgegriffen wird, dann sagen zwei, drei Naseweise wie aus der Pistole geschossen „Limousine“. Einer sagt garantiert auch noch „Kutsch“. Egal. Der Regisseur aber, auch nicht auf den Kopf gefallen, lässt den Schauspieler jetzt „Straßenbahn“ sagen. Das gibt ein Hallo. Und ist der Augenblick, in dem einem der fleißig mitdenkende und mitredende Mensch nicht mehr auf den Wecker geht, sondern Sympathie und Mitleid weckt. Verdammte Regisseure.

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