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Wer sich nach einem Leben sehnt, das ohne Eile und Verspätung nach Fahrplan verläuft, wird es hier finden.

Times mager

Kurs

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Am See, heißt es, wohnen die glücklichsten Menschen des Landes. Warum einige von ihnen ausgerechnet Alice Weidel ihre Stimme geben, erklärt sich so nicht. Die Feuilleton-Kolumne.

Das Städtchen liegt friedlich am See, und 18:42, das ist die Zahl, die den Tagen dort Struktur verlieh. Immer um 18:42 legt zum letzten Mal die „Seegold“ ab, und man kann sie sehen, bis sie nach einer Viertelstunde das Örtchen drüben auf der anderen Seite erreicht. Der See ist hier schmal, drei Kilometer.

18:42 ist der natürliche Zeitpunkt, um beim Weinausschank in der alten Markthalle am Landungsplatz ein Gläschen Weißburgunder erworben und draußen an einem der Fässer Platz genommen zu haben, die hier als Tische dienen. Die „Seegold“ fährt als Kursschiff zwischen dem Städtchen hier und dem Örtchen drüben, und die gleitende Langsamkeit, mit der sie das in absoluter Präzision Stunde um Stunde tut, bis 18:42 Uhr, versetzt alle, die bei Sinnen sind, in ein geradezu heimatliches Gefühl von Vorhersehbarkeit und Verlässlichkeit.

Natürlich kommen Fragen auf, während sich die Sonne über das Wasser senkt und tut, als stelle sie der „Seegold“ eine Sperre aus Licht in den Weg, die das Schiff allerdings, glänzend den Kurs haltend, ohne Probleme durchfährt. Warum ausgerechnet 18:42? Warum nicht 18:45?

Stecken hinter dem Idyll riesige Rechner mit hochkomplexen Algorithmen, die die Fahrten der „Seegold“ in harmonischen Einklang bringen mit den Bussen und Bahnen, die im Städtchen und im Örtchen halten? Oder passt nur der ewige, Stunde um Stunde wiederholte Rhythmus von 7:12 bis 18:12 (Örtchen) und von 7:42 bis 18:42 (Städtchen) zum Verkehr der Ausflugsdampfer, deren Weg das Kursschiff wieder und wieder kreuzt?

Die Antwort: Schwer zu sagen. Leichter zu erklären sind die folgenden Phänomene: Erstens startet die erste, zusätzliche Fahrt werktags nicht um 6:12 (Örtchen) beziehungsweise 6:42 (Städtchen), sondern erst um 6:25/6:44. So gewinnt die Besatzung 13 Minuten Schlaf. Zweitens: 12:12/12:42 fällt werktags aus. Mittagspause!

So geht das tagein, tagaus, jahrein, jahraus, und wer sich nach einem Leben sehnt, das ohne Eile und folglich ohne Verspätung nach Fahrplan verläuft, wird es hier mit einer tiefen inneren Ruhe genießen. Am See, heißt es, wohnen die glücklichsten Menschen des Landes.

Abends im „Ochsen“ servieren freundlichste Menschen, in deren osteuropäische Akzente sich die badischen Zischlaute vorbildlich integriert haben, überragende Hausmannskost. Und doch wieder Fragen: Könnte jetzt Alice Weidel den Gastraum betreten, hier in ihrem Wahlkreis? Und warum haben 8,5 Prozent der Städtchen-Wähler, 1176 Personen, diese schlechtgelaunte Prophetin (und Betreiberin) nationalen Unheils in den Deutschen Bundestag gewählt? Schwer zu sagen, wie gesagt.

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