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Kurato*

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Von: Lisa Berins

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Immerhin schaut er freundlich, der Roboter „Pepper“, als er (2020) von Maschinenbaustudent Christian Engel an der Universität Kassel einen Gegenstand entgegennimmt.
Immerhin schaut er freundlich, der Roboter „Pepper“, als er (2020) von Maschinenbaustudent Christian Engel an der Universität Kassel einen Gegenstand entgegennimmt. © Uwe Zucchi/dpa

Die NI wird nicht gerne überrumpelt, allerdings hat die KI immer die Nase vorne. Sofern sie eine Nase hat. Die Kolumne „Times mager“.

Künstliche Intelligenz ist schon lange eine unsichtbare Konstante in unserem Leben. Aufmerksam studiert sie uns, antizipiert unseren nächsten Wunsch, bevor wir überhaupt selbst wissen, dass wir Wünsche offen haben, und macht uns forsche Vorschläge: zur Partnerwahl, zu Konsumprodukten, zum Surfverhalten im Internet. Neuerdings unterhält sie sich als ChatGPT mit uns. Ganz unauffällig hat sich die KI aber schon längst einen gewaltigen Schritt weiter in unser Denken eingeschlichen, als wir es möglicherweise realisieren: Sie steuert unsere Erinnerung.

Plopp: Eine Nachricht auf dem Handy. Ein Foto-Rückblick ist fertig – wieder eines dieser zusammengestellten „Highlights“ mit Titeln wie „Ein schönes Wochenende“, „Unterwegs“, „Sightseeing“ oder „Festlichkeiten“. Dieses Highlight heißt: „Ich liebe Urlaub“. Es kommt natürlich mitten in der Arbeitszeit. Die Verlockung ist groß – doch der Daumen bremst gerade noch ab, bevor er den Screen berührt. Will man das wirklich sehen?

Tausende von Fotos haben sich auf dem Handy angesammelt. Tausende Momente, von denen man sich selbst nur an einen minimalsten Bruchteil erinnert, wenn man mal ehrlich ist. Die eigene, interne Festplatte hat einen lächerlich kleinen Speicherplatz, längst sind die Erinnerungen ans Handy outgesourct. Ein Algorithmus kuratiert diese Momente nun, frischt die verblassten imaginären Bilder vom Italienurlaub, von der Taufe, vom Geburtstag auf, gibt ihnen wieder Farbe und Schärfe, arrangiert die vergessenen Details.

Aber dieses KI-kuratierte Erinnern, nennen wir es Kurato* (wahrscheinlich ungeschlechtlich) meint es gar nicht gut mit uns. Es meint genaugenommen gar nichts mit uns. Es ist unempathisch, unsensibel, frech sogar. Ungefragt nimmt es Korrekturen vor (ach ja, diese Geburtstagtorte war misslungen, das Bild wurde kurz vor dem großen Streit gemacht, das Wetter in Italien war gar nicht so doll…). Was nimmt es sich da raus, mit welchem Recht funkt es in der eigenen Vergangenheit rum, und wie dreist überschreibt es die eigene Festplatte?

Gewissenlos präsentiert uns die KI Dinge, die unsere NI (Natürliche Intelligenz) mit viel Mühe und sehr gründlich zensiert, aus der Erinnerung gestrichen, verändert, verbannt oder zumindest in schönen Pastellfarben und ziemlich verschwommen abgelegt hat. Nein, die NI findet das gar nicht gut, so überrumpelt zu werden. Sie schickt ein mulmiges Gefühl als Vorwarnung aus, das Impulse bis in die Nerven des Daumens sendet. Jetzt spricht sie sogar: „Das willst du dir nicht antun, oder? Außerdem gibt es Wichtigeres zu tun. Wie wäre es mit arbeiten, statt auf dem Handy rumzudaddeln?“

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