1. Startseite
  2. Kultur
  3. Times mager

Kürzlich

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Christian Thomas

Kommentare

Ovid kürzlich noch Dichter, jetzt schon Statue. In Rumänien.
Ovid kürzlich noch Dichter, jetzt schon Statue. In Rumänien. © imago

Schon immer gab es Geschichten vom Wandel der Welt, schon Ovid erzählte vom Kürzlichen, das mal größer, mal kleiner ausfallen kann.

Ein nicht ganz unwichtiger Punkt ist der, wie sich der Mensch zurechtfindet, wenn er sagt: kürzlich. Er muss dazu nicht in den Kalender schauen oder auf die Uhr. Bei der Zeitangabe „kürzlich“ ist das Zeitbewusstsein auf etwas kalibriert, was noch nicht allzu lange zurückliegt. Im Kopf steht eine Zeitvorstellung im Raum, wobei der Raum ein wenig größer und auch ein wenig kleiner ausfallen kann, was nicht am Kopf liegt, sondern an der Vorstellung „kürzlich“. Etwas ungefähr ist das schon.

Sprechen wir von Tagen? Davon gewiss nicht, aber auch nicht von Monaten, eher von dem, was dazwischen liegt, von Wochen also. Kürzlich ist ein Etwas, das man auf jeden Fall nicht abgezählt hat. Man ist sich nicht sicher, wann das war, aber da war was. Vage, keine Frage. Aber ein doch überschaubarer Zeitraum. Noch nicht ganz so lange her, um es nicht präsent zu haben.

Auch in dem Fall war das so, von dem der römische Dichter Ovid berichtet – soll man sagen: einst erzählte, weil es 2018, 2019 Jahre her ist, als er seine „Metamorphosen“ begann. Die Geschichten vom Wandel der Welt beruhten auf einem legendären Sagenstoff, rund 250 Mythen und Märchen, beginnend mit dem Anfang der Welt. Kein Urknall, doch hier schon der Übergang von einem Sein in ein anderes, in ein Dasein, „als plötzlich die Sterne, die lange von undurchdringlichem Dunkel bedeckt waren, am ganzen Himmel aufzuglühen begannen“. Die Welt nahm Formen an, damals. Damals?

Den Eintritt ins Dasein hat Ovid überliefert, und wenn er erzählt, dass im Laufe der folgenden Entwicklung auch „der Mensch wurde“, dann ist seitdem in keinem Kalender dessen Geburtstag festgehalten worden. Unbestritten ist das so, aber warum? Die Frage wird so gut wie nie gestellt. Weil sie naiv ist, lächerlich? Oder die Antwort unglaublich banal. Weil das Elternteil sie dem Kind nicht beantworten kann.

Wie auch immer, kaum jedenfalls war der Mensch da, war auch Prometheus ungemein präsent, kaum dass nämlich „die junge Erde vom hohen Äther getrennt“ war – und zwar „erst kürzlich“, wie es in einer besonders schönen Ovid-Übersetzung heißt. Kürzlich, als wäre all das neulich gewesen, eben erst vorbei. Ein bisschen vage. Aber doch ungemein inspirierend. Kein Mensch, der zu Ovids Lebzeiten, zur Zeit der Zeitenwende, deswegen in einen Kalender geschaut hätte, denn mit dem Vagen, mit dem das Vormalige einer anfänglichen Welt an die Gegenwart heranrückte, ließ sich leben, fabelreich leben. Römer und Römerin kamen mit diesem in ihr Jetzt hineinreichenden Einst, als wäre es ein Jüngst, ungewöhnlich gut zurecht. Unglaublich lange her.

Auch interessant

Kommentare