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Für eine Fliege ist die menschliche Bewegung lachhaft langsam.

Times Mager

Künftig

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Wem nach dieser Woche endzeitlich zumute ist, blickt auf das Cage-Orgelprojekt von Halberstadt.

Wenn der Eindruck, dass es so jetzt doch nicht mehr weitergehen kann, zu stark und endzeitlich wird, wenn einem der Witz im Laufe einer Woche zu Recht abhanden gekommen ist, lohnt es sich immer, an das Orgelprojekt von Halberstadt zu denken. Hier wird, auch die FR berichtet alle paar Jahre, John Cages Stück „Organ2/ASLSP“ dem Titel und der Tempovorschrift des Komponisten gemäß „As SLow aS Possible“ aufgeführt. Natürlich ginge es noch langsamer, aber für dieses Mal soll es 639 Jahre dauern, bis 2640. Insofern ist es regelrecht wurscht, dass der letzte Klangwechsel, das Hinzufügen von zwei Tönen zu den seit sieben Jahren zu hörenden Tönen bereits am vergangenen Wochenende vollzogen wurde. Was ist eine Woche gegen 639 Jahre.

Auch wir haben vor Ort reingehört, vor Jahren. Die einen nennen das gelinde Dauerbrummen meditativ, die anderen durchgeknallt, aber es ist offensichtlich, dass ein Wort wie „durchgeknallt“ aus einer unpassend verhetzten Sphäre stammt. Entscheidend ist dabei nicht so sehr die krasse Entschleunigung, die den Menschen zur Abwechslung in die Situation einer Fliege versetzt. Für eine Fliege ist die menschliche Bewegung lachhaft langsam. Wäre der nächste hinzuzufügende Ton, das d, welches am 5. Februar 2024 angeschlagen werden wird, ein schwerer Fausthieb, so hätten noch die Schlappsten unter uns eine reelle Chance ihm auszuweichen. Problem: Was zu langsam ist, nehmen Menschen und Fliege nicht mehr wahr. So könnte man doch noch zuschanden werden, niedergestreckt ausgerechnet von einem d.

Aber darum geht es überhaupt nicht. Entscheidend ist der tiefe Optimismus, der darin liegt, dass 2071 der erste Teil abgeschlossen und der zweite in den Blick genommen werden wird. Dann wird es übrigens auch nur noch 43 Jahre dauern, bis 2114 mit der Drucklegung der Werke der „Zukunftsbibliothek“ begonnen werden kann, die auf Initiative der Künstlerin Katie Paterson entsteht. Margaret Atwood, auch hierüber berichtete die FR, hat bereits geliefert. Gibt man sich mit einem Buch, das in hundert Jahren gedruckt wird (werden soll), dieselbe Mühe wie mit einem für 2021? Aber ums Herumunken soll es hier ja genau nicht gehen.

Noch verlässlicher sind die Voyager Golden Records, die seit 1977 unterwegs sind und mit denen Außerirdische dereinst die Arie der Königin der Nacht werden hören können. Sofern sie ein entsprechendes Abspielgerät zur Hand haben. Und sofern sie eine Hand haben. Und Ohren. Ja, am Ende ist immer alles kompliziert.

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