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Küken

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Von: Thomas Stillbauer

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Die süßen Entenküken erwärmen oft das menschliche Herz.
Die süßen Entenküken erwärmen oft das menschliche Herz. © dpa

Der Mensch gibt gerade wieder alles, um süße kleine Puschel zu retten.

Zu den vielen heiklen Fragen des Lebens gehört jene, wie mit mir umzugehen ist, wenn ich als Fußgänger aus einer vorfahrtberechtigten Straße forsch über die Kreuzung gerannt komme. Habe ich dann Vorfahrt? Beziehungsweise Vorgang? Oder darf man mich über den Haufen fahren und hat auch noch recht?

Im Prinzip ja. Das ist unsere Fortbewegungskultur. Was man dem Auto nicht antun darf, kann man mit mir ruhig machen, weil ich nicht auf die Fahrbahn gehöre. Meine Versicherung zahlt die Beule am Personenkraftwagen, der mir den Vorgang nahm.

Es liegt allerdings noch mehr im Argen. Denn während wir Menschen also auf Gehsteige gepfercht werden, dürfen sich Wasservögel zurzeit alles erlauben. Kein Landkreis, in dem nicht Bundesstraßen gesperrt würden, ganze Verkehrsknotenpunkte lahmgelegt, um Enten-, Gänse- und Schwanenfamilien sicher von A nach B zu geleiten.

Bochum, Herner Straße: Zwölf Küken gerettet. Duisburg: Feuerwehr holt elfköpfige Entenfamilie von der Straße. Bremen: Feuerwehr rettet Küken aus Abwasserschacht. Krefeld: Entenfamilie sorgt für Chaos. Berlin: Polizei siedelt Entenfamilie in Wedding um. Und wenn ich mit meinen zwölf Kindern über die Straße möchte? Kommen dann auch die kommunalen Sicherheitskräfte und stoppen die Rush Hour?

Gut, meine zwölf Kinder sind natürlich nicht alle genau gleich winzig und watschelig und flauschig-puschelig. Das muss der Mensch schon zugeben. Da sind die kleinen Wasservögel schon unschlagbar entzückend. Einmal, als wir im Café am See saßen und zuschauten, wie Herr Schwan seinen Kindergarten drohgebärdend gegen alles Böse verteidigte (Hund, Mensch, Ausflugsschiff, Zeppelin, Wasserball, AfD), kamen wir mit dem Ober ins Gespräch. Er berichtete nicht nur von Familie Schwan, die jedes Jahr direkt neben der Caféterrasse brüte, sondern auch von Familie Ente, die sich stets gegenüber auf einem Balkon im vierten Stock (!) reproduziere. Daher vermutlich der Name Stockente.

Jedenfalls immer wieder ein Spektakel fürs ganze Viertel, die kleinen Piepvögel von dort oben in einer Decke auf die Straße zu bringen, und das gegen den erbittert fauchenden Widerstand des Elternpaares, das seinen Nachwuchs traditionsgemäß zu sich herunterzuquaken wünscht. Anschließend verträgt man sich wieder. Manchmal kommt die Familie ins Café und lässt sich füttern.

Ja, so gibt der Mensch alles, um süße kleine Puschel zu retten. Außer den 50 Millionen männlichen Hühnerküken natürlich, die jedes Jahr mit höchstrichterlichem Plazet geschreddert werden. Das ist wohl was anderes.

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