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„Machen Sie sich groß, um das Tier zu dominieren“, rät ein Passant.

Times mager

Kühe schieben

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Ferien in Bayern, während eines zehntägigen Volksfests. Das lässt sich einiges zu sagen, und das darf man auch sagen in Deutschland.

Man kann ja über Deutschland sagen, was man will, aber immerhin kann man in Deutschland sagen, was man will. Das war nicht immer so. Eine Zeitlang wurde aussortiert, wer in Deutschland sagte, was er wollte. Das sollte man denen sagen, die sagen, man dürfe in Deutschland nicht mehr sagen, was man will, und die gern das Deutschland wiedererrichten wollen, in dem man nicht sagen durfte, was man wollte.

Und damit zurück ins Ausland. Vorige Woche fuhrwerkten wir durch eine endlose Reihe von Kreisverkehren, um mit Drehwurm eine Gegend zu erreichen, ein märchenhaftes Tal, das von dreitausend Meter hohen Bergen umgeben ist und selbst auf eins-acht liegt. Die Herren Nietzsche, Rilke, Hesse, Bowie pflegten sich hier von Mauerseglern und genialen Einfällen umschwirren zu lassen, lebt Gott noch?, ist es, was es ist?, komme ich unter die Räder?, is there life on Mars?

Und wer in einer bestimmten Pension Quartier nimmt, verbringt die erste Hälfte seines Aufenthalts damit, von der Herbergsmutti instruiert zu werden, bis ihm die Beine wegsacken, Sie verstehen, die dünne Luft, die Höhe.

Aber ist es nicht wunderschön? Im benachbarten Jet-Set-Urlaubsort findet eine Schau britischer Oldtimer statt. Ein Polizist regelt den Verkehr. Wir brauchen Auskunft darüber, wo die Glascontainer sind, und in dieser Gegend weiß man nie, sprechen die Leute Italienisch, sprechen sie Deutsch? Er stamme aus Thüringen, sagt der Gendarm, seit zwanzig Jahren Schweizer, und die Glascontainer, puh, die müssten doch überall sein.

Wer noch weiter hinauf in die Berge kraxelt, muss gelegentlich bimmelnde Kühe zur Seite schieben, die im Weg stehen. „Machen Sie sich groß, um das Tier zu dominieren“, rät ein Passant. Darin sind wir nicht so gut, das merkt doch jedes Rindviech. Und damit zurück nach Deutschland.

Am Staffelsee wird ein zehntägiges Volksfest gefeiert, mitten in der Provinz ein Juwel der Offenheit. Ständig ziehen Trachtengruppen trommelnd und blasmusizierend durch die Stadt, begleitet mal von der Präsidentin des Bayerischen Landtags, häufiger von der eigens angereisten Delegation aus der ghanaischen Partnerregion.

Eine Frauenpuppe zu Ehren der Gäste im Schaufenster der örtlichen Konditorei erinnert grenzwertig an die Darstellung afrikanischer Menschen auf Schokopackungen o.ä. von einst, aber offenbar beschwert sich niemand. Wäre die Puppe beleidigend, dürfte man das sagen, denn man darf in Deutschland sagen, was man will, auch wenn man gar nicht aus Deutschland stammt. Das ist und bleibt gut so.

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