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Eine Madeleine mit einem Schluck Tee - das ruft lang vergangene Zeiten in Erinnerung. Nur der Kuchenteller mit Goldrand fehlt im Marcel-Proust-Museum.

Times mager

Kuchenteller

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Unverhofft fand sich ein Kuchenteller wieder, fast makellos noch der Goldrand. Wie Gegenstände doch den Menschen überdauern.

Bei Ausgrabungen im Keller wurde ein Kuchenteller mit dem bis heute allseits beliebten Muster Japanische Kirschblüte sichergestellt, allerdings mit einer auf Ebay und in einschlägigen Teegeschirrversandhäusern gegenwärtig nicht aufzutreibenden Grundfarbe Grün, die Blüten in Rot und Gelb, mit geschmackssicheren goldenen Einsprengseln.

Bei dem Anblick des Kuchentellers zuckte die Besitzerin, die jahrzehntelang nicht darüber nachgedacht hatte, dass sie die Besitzerin war, durchaus zusammen, auch wenn sie nicht hätte behaupten können, dass „ein unerhörtes Glücksgefühl, das ganz für sich allein bestand und dessen Grund mir unbekannt blieb“, sie „durchströmt“ hätte, dass ihr „mit einem Schlage die Wechselfälle des Lebens gleichgültig, seine Katastrophen zu harmlosen Missgeschicken, seine Kürze zu einem bloßen Trug unsrer Sinne geworden“ wären und dass sie aufgehört hätte, sich „mittelmäßig, zufallsbedingt, sterblich zu fühlen“.

Da sie keine Schriftstellerin war, stellte sie sich auch nicht die Frage: „Woher strömte diese mächtige Freude mir zu?“ Zwar freute sie sich mächtig, war aber auch rasch im Bilde. Der Teller, immer schon ein Einzelstück und unbekannter Provenienz, war zweifellos großelterlicherseits an das Kind gekommen, das als echte große Schwester in diesem Falle keinen Augenblick daran gezweifelt hatte, dass allein ihr unter den Geschwistern dieses Kleinod zustand, aus Kindersicht ein Großod. Von ihm aßen fürderhin die wichtigste Puppe und Stofftiere aller Arten ihre Küchlein. Wer weiß, was diese erzählen könnten, wenn sie etwas erzählen könnten.

Jenseits des ganz proustisch flüchtigen ersten Erinnerungsimpulses – des Momentes, in dem man sich nicht bloß erinnert, sondern für eine Sekunde wieder damals dort ist, aber dann ist man sofort wieder jetzt hier – befindet sich der Kuchenteller selbst. Er hat die Jahre seiner Benutzung wie seiner Nichtbenutzung unbeschadet überstanden, nicht eine Macke am Porzellan selbst, fast makellos der Goldrand, Unregelmäßigkeiten im Grünbereich müssen schon so eingebrannt worden sein. All die zerbrochenen Tassen und Kannen, Gläser und – verdammt – Meissener-Tellerchen, all die an Wohnungswänden zerschmetterten Wecker haben erneut darüber hinweggetäuscht, dass die Gegenstände den Menschen bei weitem überdauern. Er stirbt, sie stehen da und warten geduldig ab.

Dazu passte, dass ein mitreisender Herr soeben in einem Falk-Plan blätterte, aus heutiger Sicht eine Art akkuunabhängiges Google Maps. Auch die Falk-Pläne wären noch alle da, wenn nicht irgendein Idiot sie über kurz oder lang komplett aufgefaltet hätte.

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