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Krieg 8

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Von: Thomas Stillbauer

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Solidarität mit der Ukraine. Seit acht Wochen herrscht dort Krieg.
Solidarität mit der Ukraine. Seit acht Wochen herrscht dort Krieg. © Stefan Sauer/dpa

Acht Wochen Krieg. Und wer davon erzählt, erzählt keine Geschichten von früher, sondern von nebenan.

Acht Wochen Krieg, und du fragst dich schon wieder, ob es die Leute überhaupt noch wissen wollen. Ob es die Leute überhaupt noch lesen wollen. Immer dieser Krieg.

Acht Wochen Krieg, und Ostern ist durch. Der Krieg nicht. Kein Zuckerbäcker, der den Soldaten aus dem Osten einen Osterhasen vor die Nasen stellt und sagt: Det reicht mir jetzt, Jeschäftsfreunde!

Keine Schar von Zuckerbäckern, die den Kriegsmächtigen aus Moskau klarmacht, dass es nicht ihr Krieg ist. Nicht ihr Krieg, verdammt. Nicht ihrer. Nicht unserer.

Acht Wochen Krieg und Zerstörung, aber die einzigen Kämpfe, die du selbst kämpfen musst, deine persönlichen Kämpfe, du kämpfst sie gegen Birkenpollen und eine Telefonzelle. Die Pollen sind stärker, wie immer, doch grausam sind sie nicht und sowieso nicht acht Wochen lang.

Von der Telefonzelle hier im abgelegenen Ostseeurlaubshinterland hättest du gern recht altmodisch deine Frau Mamá daheim angerufen. Telefonzelle ist übertrieben. Ein öffentlicher Fernsprecher, wann hat man so etwas zuletzt gesehen, er ist in der Nähe eines enorm verwitterten, ehemals gelben Postbriefkastens an einer Holzhütte angebracht, außen. Du kannst kein Geld einwerfen, auch keine Telefonkarte einschieben. Nicht, dass du noch eine hättest. Du kannst deine Kreditkartennummer eintippen, und am Ende sagt dir eine Damenstimme, dass eine Verbindung aus technischen Gründen nicht möglich sei. Eine Taste für Notrufe gibt es, aber du bist nicht in Not.

Im ersten entsetzlichen Krieg konnte kein Soldat seine Frau Mamá anrufen. Im zweiten entsetzlichen Krieg konnte kein Soldat seine Frau Mamá anrufen. Acht Wochen Krieg, und Mütter rufen ihre Söhne an, sie sollen zurückkommen. Acht Wochen Krieg, und zu wenige Mütter rufen ihre Söhne an, sie sollen zurückkommen. Und viel zu wenige Söhne, die lieber auf ihre Frau Mamá hören als auf die, die Krieg befehlen.

Acht Wochen Krieg, und du fragst dich, ob es immer aufs Neue zu ertragen ist: davon zu lesen. Nicht Haus, Hof, Mann, Frau zu verlieren, Kind, Mutter, Vater irgendwo verscharrt zu erfahren. Nur davon zu lesen. Opa erzählt wieder vom Krieg, was haben wir gelästert. Als wir uns noch sicher waren, dass alles, was Opa tatsächlich vom Krieg erzählte und nicht nur von „früher“, nie wieder geschehen würde. Jetzt erzählen Enkel vom Krieg, und es geschieht. In Echtzeit. Dabei erscheint es so unecht. Acht Wochen Krieg, und im Westen immer noch alles unwirklich.

Schreiben wir wenigstens darüber. Lesen wir wenigstens davon. Lassen wir die Menschen wissen: Sie sind nicht allein, noch längst nicht, niemals.

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