1. Startseite
  2. Kultur
  3. Times mager

Krieg 3

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Thomas Stillbauer

Kommentare

Drei Wochen dauert der Krieg in der Ukraine schon an.
Drei Wochen dauert der Krieg in der Ukraine schon an. © Fabian Sommer/dpa

Muss denn hier unbedingt auch noch „Krieg“ stehen, wo schon überall „Krieg“ steht?

Worüber soll ich schreiben, worüber will ich schreiben? Wenn ich schreiben kann, worüber ich will, was schreibe ich und für wen? Die Frage ist nach drei Wochen Krieg genauso wesentlich wie nach einem Tag Krieg. Offen gestanden ist sie auch nach unzähligen Jahren Krieg, der nicht in Nachbars Vorgarten stattfindet, genauso existenziell. Eigentlich ist sie auch nach zwei Jahren Pandemie genauso drängend. Und nach 50 Jahren mit Kurs auf den Vollkontakt mit der Klimakatastrophe.

Was schreibe ich an dieser Stelle, die es mir freistellt zu schreiben, was ich will. Der Impuls, über Alltägliches zu schreiben, ist nach drei Wochen Krieg nur noch minimal, über die Frage, ob Tomatenscheiben auf ein Käsebrötchen gehören, wo ich doch über wichtige Dinge schreiben könnte. Wie oft habe ich über die Zusammensetzung einer Tüte Fruchtgummi geschrieben, über linke und rechte Socken, wo ich doch auch über den Krieg hätte schreiben können, schreien!, den Krieg, den andere Menschen erleiden müssen, damals einer, der weit entfernt war, räumlich, aber menschlich doch nah, oder nicht?

Weil der Drang, etwas Erfreuliches zu schreiben, mit Glück sogar etwas Lustiges, immer auf der Schulter saß und zappelte und rief: Schreib, schreib was Helles! Unterm grinsenden Foto.

Jetzt? „I sit at my table/ And wage war on myself“, das war die US-Band R.E.M., 1988: Ich sitze am Tisch und führe Krieg mit mir selbst. „It seems like it’s all/ It’s all for nothing“. Sieht aus, als wäre alles umsonst. Dauerschleife im Kopf. Der Ohrwurm trägt den Kampfnamen Putin. „Welcome To the Occupation“, noch ein Lied von R.E.M., 1987. Willkommen zur Besatzung, eine grotesk schöne Melodie dazu. „Fire on the hemisphere below“, Feuer auf der Südhalbkugel. Dort ist es diesmal nicht, das Feuer, noch nicht. Oder Donovan, 1965: „He’s the universal soldier/ And he really is to blame“. Er ist der universelle Soldat, und er hat wirklich Schuld. Hat er? Oder eher ich? „War – huh – what is it good for?“ Edwin Starr, 1969. Für nichts ist er gut, der Krieg. Absolut nichts.

Muss denn unbedingt hier auch noch Krieg stehen, wo doch schon überall Krieg ist, in der Zeitung, im Fernsehen, im Radio, im Internet, im Kopf, und wo ich doch hier schreiben darf, was ich will? Muss nicht. Muss doch. In Russland darf niemand öffentlich vom Krieg schreiben, dort dürfen Menschen nicht einmal vom Krieg sprechen. Im Moment ist der Impuls vielleicht auch deshalb so stark, hier über den Krieg zu schreiben. Oder zumindest über den inneren Kampf, gerade gar nichts Helles schreiben zu können, jedenfalls nicht auf einer Zeitungsseite wie dieser. Vielleicht gelingt es nächste Woche.

Auch interessant

Kommentare