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Krieg 47

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Von: Thomas Stillbauer

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Gibt es Parallelen zwischen dem Niederreißen eines Dorfes zugunsten von Braunkohle und dem Ausradieren von Dörfern in der Ukraine?
Gibt es Parallelen zwischen dem Niederreißen eines Dorfes zugunsten von Braunkohle und dem Ausradieren von Dörfern in der Ukraine? © Thomas Banneyer/dpa

Hier wird ein Weiler dem Erdboden gleichgemacht, dort werden Dörfer verheert und entvölkert.

Nur langsam kehrte das Licht zurück. In Kiew, in Charkiw, in Lwiw war es schon beinahe hell, während sich anderswo die Menschen noch in der zähen Morgendämmerung an die Arbeit machten. Die einen, um zu notieren, was zu notieren war nach 47 Wochen, nein, nach acht Jahren und 47 Wochen Krieg, nach langer Dunkelheit. Die anderen, um ein weiteres Dorf abzuhaken.

Die Dinge hatten scheinbar nichts miteinander zu tun: dass Dörfer verheert und entvölkert wurden, hier wie dort. Wenn dort ein Weiler dem Erdboden gleichgemacht wurde, dann – warum? Weil das riesige Land das kleinere Land und seine Bevölkerung auslöschen wollte, wegradieren, sich einverleiben. War es das? War es, mit riesigen Anführungszeichen, nur das? War es noch mehr? War es der Anfang vom Ende von allem? Die Welt stand nach all den Jahren und Wochen immer noch entsetzt davor und fand keine Worte, keine Werte, auf die sich alle einigen konnte.

Und wenn hier ein Weiler dem Erdboden gleichgemacht wurde, dann – ja, da gab es kein Rätselraten: dann, um der Erde ein weiteres großes Stück aus ihrem Inneren herauszuoperieren, das sie seit Jahrmillionen bewahrt hatte. Energie, gespeichert im Einklang mit der Gemeinschaft auf dem Planeten, niemandem zum Nachteil. Bis eine Spezies kam, die schlauer und schlauer wurde, so schlau, dass sie anfing, alles zu verheizen, was da war. So schlau, dass sie gar nicht mehr aufhören konnte damit. Ihr Wohlergehen hänge davon ab, verteidigte sich die Spezies.

Jene, die warnten, das sei gar nicht schlau und werde in erdgeschichtlich albern kurzer Zeit die Spezies vom Planeten tilgen, wurden als Wurzel allen Übels markiert und, wenn sie Glück hatten, sanft entfernt. Notfalls mit Lösungsmittel. Es gab schließlich für alles eine Lösung, seit mehr als 50 Jahren. Seit im Prinzip klar war, dass es so nicht weitergehen konnte, und seit man sich entschlossen hatte, das zu ignorieren, bis es tatsächlich nicht mehr weitergehen würde.

Scheinbar hatte das nichts miteinander zu tun, wenn dort ein Dorf zusammengeschossen und hier eines niedergewalzt wurde. Aber acht Jahre und 47 Wochen Krieg hatten die Angst geschürt, den Menschen hier könnte es kalt werden an den Füßen. Nicht so kalt wie dort, das ja wohl kaum. Aber kalt genug, um noch ein Dorf auszulöschen, zu heben, was darunter war, was zu verbrennen war. Was eventuell nötig werden könnte, um die Maschinerie am Laufen zu halten.

Die Maschinerie, die sicher dafür sorgen würde, dass es weiterginge mit allem, besonders mit dem Gezerre um das, was am besten im Boden geblieben wäre, und ziemlich sicher auch mit dem Krieg.

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