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Krieg 46

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Von: Thomas Stillbauer

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Da kann man doch nur schreien! So viele Raketen, sei es im Krieg oder an Silvester.
Da kann man doch nur schreien! So viele Raketen, sei es im Krieg oder an Silvester. © Nomad Soul/Imago

Die einen haben ihre Macht. Die anderen haben ihre Trauer.

Der Bücherkater war im neuen Jahr noch gar nicht aufgetaucht. Keine morgendliche Begegnung am Briefkasten, kein Maunzen im Niemandsland zwischen dem Hauseingang und der Wohnungstür seiner einzigen echten Vertrauenspersonen, nicht einmal ein indignierter Blick vom warmen Drinnen aufs nasskalte Draußen. Statt seiner saß eines Morgens der Fremde auf der externen Fensterbank, der Eindringling, der Okkupant.

Graue Zeit. Schwere Zeit. Sorgenzeit. In der Post lag ein Hilferuf: Gesucht wurde Mowgli, ein weiteres Mitglied der örtlichen Katergesellschaft. „Er hat sehr große Angst vor Böllern“, stand auf dem Flugblatt. „Ihr kennt ihn vielleicht alle als die Katze vor meinem Küchenfenster.“ Natürlich kannten ihn alle. Mowgli saß vor dem Fenster und schaute seinem Menschen zu, wie er drinnen Geschirr spülte, und wenn man Glück hatte, drehte sich Mowgli um und zwinkerte mit dem Passanten hin und her.

46 Wochen Krieg, und nicht nur Mowgli, Hunderte Katzen und Hunde wurden seit der Silvesternacht vermisst. In jener Nacht hatte sich der Wille der Menschen nicht mehr beherrschen lassen, endlich, endlich wieder Raketen abzuschießen. In einen Rausch hatten sie sich geschossen nach zwei Jahreswechseln, in denen die Vernunft das Spektakel stark begrenzt hatte. Jetzt, als wieder ungehemmt geschossen werden durfte, hatten die Tiere das Weite gesucht.

Andere mussten bleiben und helfen. Retten, wer zu retten war. Doch wer Pech hatte im Unglück, dem war nicht zu helfen in jener Nacht, denn die Helfenden wurden mancherorts in Hinterhalte gelockt und attackiert, mit Raketen, mit Kanonenschlägen. Die Retter mussten sich erst einmal selbst retten.

46 Wochen Krieg, und millionenfach genügte es nicht, aus der Ferne das Schießen betroffen zur Kenntnis zu nehmen und der Belagerten zu gedenken, wenn man ihnen schon nicht direkt beistehen konnte. Millionenfach war es das Wichtigste in jener Nacht, selbst zu Schießenden zu werden. Koste es, was es wolle. Das war aber etwas anderes. Sagten die, die schossen. Sagten die, die Munition verkauften. Sagten die, die es Freiheit nannten, die Rahmenbedingungen dafür erbittert zu verteidigen.

In der Ferne war eine Waffenruhe angekündigt und sofort ad absurdum geführt worden. Die Schwachen waren den Machtspielen ausgeliefert. Auch so viele Tage nach der Silvesternacht hingen überall die Flugblätter: „Bitte schaut im Keller, es kostet nur eine Minute Zeit, und ruft seinen Namen: Mowgli.“ Die einen hatten ihren Spaß gehabt. Ihre Freiheit. Die einen hatten ihre Macht. Die anderen hatten ihre Trauer.

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