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Krieg 45

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Von: Thomas Stillbauer

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Keine Zeit für Demoralisierung: Folgen russischer Angriffe in der Ukraine.
Keine Zeit für Demoralisierung: Folgen russischer Angriffe in der Ukraine. © Andriy Andriyenko/dpa

Kleine Körper im Wald - und wer dabei gewesen war, dem fiel das Vergessen schwer.

Zum Jahreswechsel einige Tage an dem großen See. Freiheit, wie es sie freier nirgendwo auf der Welt gab. Gehen, wohin man wollte, tun, was man wollte, sagen, was man wollte. Und ebenso folgerichtig wie völlig überraschend eine Begegnung am Waldrand.

„Wissen Sie eigentlich, wie gut Sie es haben?“ Ein Paar kam entgegen, der Mann sprach uns schon aus der Distanz an. Kein Überlegen nötig. Ja, o ja, gaben wir im Chor zurück, mit einem verblüfften Lächeln, dankbar für die Erinnerung durch einen Fremden. Der Mann aber blieb abgrundtief ernst.

45 Wochen Krieg, nein, acht Jahre und 45 Wochen, und wie gern würde man aufhören mit dem Zählen. In den Radionachrichten zählten sie die Toten und Verletzten, die längst in die Zehntausende gingen. Der Mann am Waldrand oberhalb des Sees hatte vor Jahren ebenfalls gezählt. Wir hätten es ahnen können.

Denn hatten wir im Forst nicht kleine Kreuze gesehen? Und eine große silberne Kugel als Erinnerung, als Mahnmal? Zwanzig Jahre zuvor waren genau hier zwei Flugzeuge in der Luft zusammengestoßen. Man dachte nicht daran, wenn man so viel später dort spazieren ging. Der Mensch vergaß, der Mensch verdrängte. Wer aber dabei gewesen war, dem fiel das Vergessen schwer.

Ein lauer Frühlingstag war es gewesen, die Leute hatten in ihren Gärten gesessen, und während sie dort saßen, schlugen auf der anderen Seite der Straße Trümmerteile in den Blumenbeeten ein. In Echtzeit habe man der Katastrophe beigewohnt, in Echtzeit.

Der Mann hatte eine Woche lang geholfen, kleine Körper im Wald zu suchen, Kinder, die in einem der beiden Flugzeuge gesessen hatten. Eine Woche, die ihn nie wieder losgelassen hatte. Der Mann konnte gar nicht mehr aufhören zu erzählen. Seine Begleiterin blickte zu Boden, lächelte freundlich, wollte beizeiten weitergehen, und der Mann sprach und sprach. Von den Menschen und was diese eine Woche mit ihnen gemacht hatte, von Einzelheiten des schrecklichen Ereignisses, von kleinen Leben, die hier geendet hatten, in seiner Heimat, in seiner Seele.

Eine Woche. Was schon eine einzelne Woche auslösen konnte, ein Schicksalsschlag ohne böse Absichten, ein Unfall, der dich eine Woche lang tief hineinzieht in schweres Leid. Ein Trauma, das du zwanzig Jahre später nicht losgeworden bist, das dich bei einer zufälligen Begegnung mit Fremden bedrückt und beherrscht.

Und dann 45 Wochen in einem Krieg mit durchweg bösen Absichten. Ein Trauma, das noch gar nicht absehbar war. Immer wieder die Hochachtung vor den Menschen, die das ertrugen. Keine Zeit für Demoralisierung. So viel Kraft.

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