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Krieg 44

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Von: Thomas Stillbauer

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Graffiti des italienischen Künstlers Salvatore Benintende in Barcelona.
Graffiti des italienischen Künstlers Salvatore Benintende in Barcelona. © Matthias Oesterle/dpa

Z novym rokom. Eyde shoma mobarak. Frohes neues Jahr.

Spaziergänge mit Herzensfreunden. Gespräche darüber, was war; darüber, was gewesen war. Vor allem darüber, was werden könnte. Wie gut das tat. Wie sehr diese Momente zu den besten des abgelaufenen Jahres zählten. Wie unbezahlbar sie waren. Was gewesen war: Frieden. Gesundheit, die an Unsterblichkeit grenzte. Jugend. Freiheit nicht nur für die, die ständig definieren wollten, wie viele Nullen und wie viele PS die Freiheit mindestens haben musste. Musik, so viel Musik. Melodien. Freundschaft. Geistesgegenwart. Katzen. Träume ohne Vorsilbe.

Was war: Krieg. Acht Jahre und 44 Wochen Krieg dort, wo der Krieg jetzt die meiste Aufmerksamkeit einforderte. Noch mehr Krieg dort, wo er längst furchtbar alltäglich geworden war. Krieg gegen Frauen. Krieg gegen Minderheiten. Krieg, der von Superreichen gegen die Vernunft geführt wurde. Überhaupt: Krieg gegen jede Vernunft. Krieg gegen die Natur, gegen das Klima. Krieg gegen die Empathie. Krieg gegen die Dezenz.

Was aber auch war: die ansteckende Jugend der Anderen. Mut. Zuversicht. Widerstandskraft, wo sie niemand erwartet hatte. Resilienz, wo nicht damit zu rechnen gewesen wäre, dass sie einmal nötig sein könnte, von Menschen, die oft gar nicht wussten, was Resilienz bedeutete. Von ihnen ganz besonders. Und wieder Musik. Lieder, die man nie gehört hatte, die jetzt nicht mehr wegzudenken waren. Sie hießen „Tscherwona Kalyna“ und „Baraye“. Lieder, mit denen man stundenlang mitweinen konnte, für die Sonne nach langer Nacht, für ein lachendes Gesicht. Für die Frau, das Leben, die wahre Freiheit.

Was also werden könnte, und vor allem darum ging es in jenen Spaziergängen mit jenen berührenden Gesprächen: das Leben, die Freiheit, für alle. Kinder würden wieder unbeschwert auf Spielplätzen sein können, weil nirgendwo mehr Raketen vom Himmel fielen. Menschen würden küssen dürfen, wen sie wollten, wo sie wollten, mit der Frisur, die ihnen gefiel. Kein Mann würde umgebracht werden, weil er anderer Meinung war als die Regierung. Keine Frau würde ertrinken müssen, weil am Ufer jemand stand, der sie lieber tot sehen wollte als in seinem Land. Kein Wald würde verschwinden. Mehr Berggorillas statt noch mehr Handys. Mehr Sumatratiger statt noch mehr Palmöl. Alle würden in Frieden leben können. Alle hätten zu essen.

Wenn das auf den Weg gebracht sein würde, wieso eigentlich nicht in dem Jahr, das für uns morgen begann, das durfte ruhig schnell gehen, was sprach dagegen? Dann hätten wir gern einen Garten und zwei Esel. Z novym rokom. Eyde shoma mobarak. Frohes neues Jahr.

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