1. Startseite
  2. Kultur
  3. Times mager

Krieg 43

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Thomas Stillbauer

Kommentare

Ukraine-Krieg - Saporischschja
Das ist doch alles kaum zu glauben: Rettungskräfte schauen auf die Trümmer eines zerstörten Wohnhauses in Saporischschja. © dpa

Dreiundvierzig Wochen Krieg geben viel Anlass, wütend zu werden, verdammt wütend sogar. Die Kolumne „Times mager“.

Man konnte traurig sein, verzweifelt, monatelang konnte man deprimiert sein, aber da war auch noch etwas anderes, und das half offenbar viel besser: Wut. Ohne Wut wäre das Land wahrscheinlich schon längst verloren gewesen. Dreiundvierzig Wochen Krieg, dreiundvierzig Wochen lang ständig in den Luftschutzkeller fliehen, wenn wieder Alarm war, und dort sitzen, mucksch wie das Mäuschen?

Kam nicht infrage für die Menschen in dem geschundenen Land. Sie waren verzweifelt, ja, doch sie waren auch wütend. Der übergroße Nachbar, der schlechte Nachbar, der Goliath konnte zwar aus allen Rohren schießen, rauben und brandschatzen, nur eines konnte er nicht in diesen dreiundvierzig Wochen, nein, in diesen acht Jahren und dreiundvierzig Wochen: ihren Willen brechen. Im Gegenteil, mit jeder weiteren Rakete, die in ein Wohnhaus, in eine Klinik, auf einen Kinderspielplatz flog, wuchs erkennbar die Widerstandskraft.

Es schien wie in einem dieser Fantasiefilme, in denen der Held seine Energie aus einer geheimen Quelle schöpfte. Die Gegenwehr wurde nicht schwächer, sondern stärker. Mochte der Tyrann zehn Mal das Licht ausschießen, die Menschen brachten es elf Mal zum Leuchten.

Auch außerhalb des geschundenen Landes gab es diese Wut. Wenn man die Bilder sah, Bilder von stumpfer Aggression und entsetzlicher Zerstörung, konnte man den Kopf schütteln und sich fragen, wie das möglich war. Und man konnte zornig werden. Die Vereinten Nationen verurteilten in ihrer großen Mehrheit die Angriffe auf das unbescholtene Land, doch da gab es einzelne dieser Nationen, die sich daran nicht beteiligten. Die nicht verurteilten, dass da Kinder gemordet und entführt wurden. Einzelne Nationen, die sich auch nach den schlimmsten Gräueln nicht gegen den Tyrannen stellten.

Einzelne Nationen sogar, die den Tyrannen mit Waffen belieferten. Ein Land, das seit Wochen und Monaten seine Bürgerinnen und Bürger foltern und hinrichten ließ, weil sie nicht mehr bereit waren, ihr ganzes Leben einer nach außen hin streng religiösen, aber im Kern einfach nur unterdrückerischen Staatsgewalt zu unterwerfen – dieses Land lieferte nebenbei dem Tyrannen Flugobjekte. Sie waren bequem aus der Ferne zu dirigieren und töteten wehrlose Menschen, ohne dass man sich dabei selbst in Gefahr brachte.

Dreiundvierzig Wochen Krieg und so viel Anlass, wütend zu werden, verdammt wütend. Es war kein Wunder, dass manche ihre friedliebende Wesensart zeitweise vergaßen. Das Wunder war, wie viel die Leute im geschundenen Land aushalten konnten und wie stark sie dabei blieben.

Auch interessant

Kommentare