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Krieg 39

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Von: Thomas Stillbauer

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Den Sportler*innen der Fussball WM wurde verboten die One-Love-Binde zu tragen.
Den Sportler*innen der Fussball WM wurde verboten die One-Love-Binde zu tragen. © Bruno Fahy/dpa

Den Mächtigen ist manche Liebe nicht genehm, vor allem nicht die allgemeine.

Ohnehin war die Liebe weltweit auf dem Rückzug. Zur Natur wurde sie zwar immer wieder wortreich beschworen, die Liebe, zu einzelnen Menschen romantisch besungen, wenn auch längst nicht mehr so romantisch wie einst. Auch die Romantik war inzwischen etwas für diejenigen, die sie sich leisten konnten.

Beim zweitgrößten Sportereignis der Welt jedenfalls war die Liebe nicht willkommen. Menschen eigentlich auch nicht, wenn man es sich genau überlegte, aber die offen gezeigte Liebe schon gar nicht. Noch nicht einmal auf Armbinden der Sportler. Warum? Weil die Möglichkeit bestand, vielleicht sogar der erklärte Wille, dass diese eine Liebe auf den Armbinden eine Liebe für alle war. Eine universelle Liebe, die alle einschloss, ob sie sich für ein bestimmtes Geschlecht entscheiden wollte, die Liebe, oder nicht.

Den Mächtigen war eine solche Liebe nicht genehm, also verboten sie sie. Und was das Seltsamste war: Am Ende sollten es die Schiedsrichter sein, die womöglich Sportler vom Platz stellen mussten, weil sie die Liebe am Oberarm mit sich führten. Normalerweise setzte es in dieser Disziplin berechtigte oder unberechtigte Feldverweise wegen Gewalt oder grober Unsportlichkeit. Nun wurde auf Anweisung von oben die Liebe mit Füßen getreten.

39 Wochen Krieg, und in manchen Gesellschaften gab es also nichts Vordringlicheres, als Sportlern die Manifestation bedingungsloser Liebe zu untersagen.

Das gigantische Sportereignis war aus regionalen Gründen vom Sommer in den Spätherbst verlegt worden, wenn man es durch die Augen des Mutterlands dieser Sportart betrachtete. So übertrug sich die Herzenskälte, die das Turnier schon länger umgab, auch spürbar auf die Fans, die in Scharen daheimgeblieben waren, um den Spielen ohne geschwenkte Fahnen, mit dicken Socken und wachsender Fassungslosigkeit aus der Ferne zuzusehen.

39 Wochen Krieg, und es war bemerkenswert, wie sich der Zustand der Welt an einem Sportereignis ablesen ließ, die Spaltung, die doch noch vor Kurzem auf dem besten Weg schien, überwunden zu werden. Beim großen Turnier waren jene Sportler nicht dabei, deren Herrscher vor 39 Wochen hatte eskalieren lassen, was er acht Jahre zuvor begonnen hatte; damals noch ohne sportliche Sanktionen. Es fehlten auch die Sportler des überfallenen Landes, sie ganz besonders.

Aber mit dabei waren die Sportler eines weiteren Landes, in dem die Menschen um ihre Freiheit kämpften. Der Protest dieser Sportler war es, die Nationalhymne ihres Landes nicht zu singen. In der Tat, es gab nun einen weiteren Ort auf der Welt, an dem die einzig mögliche Protestform das Schweigen war.

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