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Krieg 38

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Von: Thomas Stillbauer

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„38 Wochen Krieg, und wir haben immer noch nichts zu verschenken, das der Welt wirklich helfen würde“: Ratlosigkeit bei den Weihnachtswesen.
„38 Wochen Krieg, und wir haben immer noch nichts zu verschenken, das der Welt wirklich helfen würde“: Ratlosigkeit bei den Weihnachtswesen. (Natürlich nur ein Symbolbild, aber das ist klar, oder? Oder??) © Moritz Frankenberg/dpa

Lego, Smartphone, Eisenbahn – die Wünsche kennt man. Aber kann der Weihnachtsmann auch den Wunsch nach Frieden erfüllen?

Der liebe, gute Weihnachtsmann zog schon mal die langen Stiefel an, kämmte seinen weißen Bart, machte sich aber noch nicht auf die Weihnachtsfahrt. Er grübelte. Wie konnte er es in diesem Jahr schaffen, der liebe, gute Weihnachtsmann zu bleiben? Oder wieder zu werden?

War er überhaupt noch lieb und gut? Auf den diversen Postämtern, die jedes Jahr um diese Zeit für ihn und sein Partnerunternehmen, das Christkind, den Betrieb aufnahmen, gingen zwar nach wie vor Wünsche nach Smartphones, Lego, Eisenbahnen und elektrischen Gitarren mit Verstärker ein. Aber zuletzt häuften sich etwa unter der Anschrift 51777 Engelskirchen vor allem die flehentlichen Bitten um Frieden.

Ähnlich schwierige Ersuchen hatten die lieben, guten Weihnachtswesen zuletzt schon arg in Verlegenheit gebracht. Doch der Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit und Mäßigung der Menschheit in Sachen Ausbeutung der globalen Ressourcen hatte sich noch einigermaßen nonchalant ignorieren lassen. Das war Chefsache für ganz oben. Oder?

Wie waren die Kompetenzen eigentlich verteilt? Es gab Briefe an die lieben, guten Geschenkeverteiler, die warfen genau diese Frage auf. „Keine Ahnung, wofür Du genau zuständig bist“, schrieb da jemand. Oder: „Wenn es in Deiner Hand läge, die Pandemie zu beenden, hättest Du sie sicher gar nicht erst entstehen lassen, also wünsche ich mir wieder mal ein Pferd, aber das wird garantiert auch diesmal nichts, vielen Dank im Voraus für die Socken und den Schlafanzug, Deine …“

Auch die noch relativ neu im Geschäft befindliche Weihnachtsfrau war ratlos. „38 Wochen Krieg“, sagte sie im Zoom-Meeting, „acht Jahre und 38 Wochen“, korrigierte das Christkind, „richtig“, bestätigte der Weihnachtsmann – „und wir haben immer noch nichts zu verschenken, das der Welt wirklich helfen würde“, schloss die Weihnachtsfrau.

Dafür sei aber tatsächlich der da oben verantwortlich, beharrte der Weihnachtsmann. Oder die da unten selbst. Aber die kriegten es einfach nicht hin. Gerade war in einem enorm reichen Land die Idee aufgekommen, den Ärmsten etwas mehr monatliche Hilfe zu gewähren. Das klang vernünftig, denn in dem Land gab es jetzt gut 1,6 Millionen Millionäre, die immer reicher wurden, während gut zwei Millionen Menschen sich von den Lebensmitteln ernähren mussten, die andere übrig ließen.

Mehr Geld für die Armen war trotzdem strittig. „Sozial unausgewogen“, urteilte die Partei, die die Millionäre bevorzugten. Und die lieben, guten Weihnachtswesen würden auch in diesem Jahr wieder das Meiste zu den Reichen bringen. Für die Wunder dort, wo seit 38 Wochen Krieg war, mussten andere sorgen.

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