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Krieg 36

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Von: Thomas Stillbauer

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Die Pressefreiheit ist ein hohes Gut und doch in vielen Ländern dieser Welt eingeschränkt.
Die Pressefreiheit ist ein hohes Gut und doch in vielen Ländern dieser Welt eingeschränkt. © Lukas Schulze

Frei und unbedroht zu schreiben, was auch immer einem wichtig ist: welch ein Reichtum.

Sechsunddreißig Wochen Krieg, und wieder einmal war es ein stiller Moment der Dankbarkeit: sich zu vergewissern, dass es hier, an dieser Stelle, möglich und erlaubt war, jede Woche zu schreiben. Frei und unbedroht zu schreiben, was auch immer einem wichtig war. Was nötig war. Was wahr war. Welch ein Reichtum.

Die Meinungsfreiheit, die Pressefreiheit, ein unschätzbarer Reichtum, den mutige Menschen vor gar nicht allzu langer Zeit erkämpft hatten, rein menschheitsgeschichtlich betrachtet. Diesen Reichtum galt es unter sämtlichen Umständen zu verteidigen. Nicht nur dort, wo schon Bomben fielen und dort, wo man nicht darüber sprechen durfte, dass die eigenen Leute Bomben warfen auf die anderen Leute, die angeblich im Prinzip ebenfalls die eigenen Leute waren.

Den Reichtum der Meinungsfreiheit galt es auch dort zu verteidigen, wo die Einschränkungen wieder größer wurden, ohne dass sofort geschossen oder weggesperrt oder an Haaren ohne Kopftücher gezerrt wurde.

Die Freiheit des Meinungsreichtums zeichnete sich übrigens auch dadurch aus, dass es möglich war, verarbeitete Lebensmittel symbolisch als Waffe gegen Kunstschätze zu verwenden, gegen Rahmen von Kunstschätzen, und darüber zu diskutieren. Wo das geschah, wo Menschen überhaupt noch den Willen aufbrachten, Skandal zu verursachen für das Weltklima, während doch der Wind des Wandels aus viel kürzerer Distanz viel größere Probleme heranzuwehen schien: Dort war noch nicht alles verloren.

Allerdings konnte es auch damit bald vorbei sein. Den Rahmen mit der Aufschrift Klimachaoten hatten Leute schon gebaut, deren wichtigstes Anliegen selbst jetzt noch darin bestand, ungestört und individuell durch die Städte zu brausen. Eine Beschwerdestelle für Bürger im Verkehrsstau war das Projekt, in das einige Menschen auf vier Rädern ihre Energie zu stecken bereit waren. Bewegte Bilder zeigten, wie Autofahrer vor Zorn zur Selbsthilfe schritten, blockierte Verkehrskreuzungen von Aktivistinnen räumten und die Frauen mit den Transparenten auf Bürgersteigen abluden. Interessanterweise war es den Fahrenden offenbar recht, dass Trottoirs blockiert wurden. Oder egal. Eher egal.

Sechsunddreißig Wochen Krieg, und wie gut war es, dass in den gescheit gebliebenen Gesellschaften immer noch jede und jeder hierzu und dazu eine Meinung haben durfte. Und laut sagen. Ausgeschlossen, schweigend dabei zuzusehen, wie diese Freiheit irgendwo abgeschafft wurde. Sechsunddreißig Wochen Krieg und kein Gedanke daran, mit der eigenen Meinung hinter dem Berg zu halten oder mit jener der anderen. Mit keiner von beiden.

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