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Krieg 35

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Von: Thomas Stillbauer

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Kleine Weihnachtswichtel mit langen Bärten. (Symbolbild)
Weihnachten und andere wichtige Dinge überschatten den Krieg. (Symbolbild) © Hauke-Christian Dittrich/dpa

Im Fernsehen des reichen Landes saßen jetzt häufig Politiker und diskutierten über die größten Probleme der Zeit, also die Energieversorgung und die Raumtemperatur in den Wohnungen des reichen Landes, vor allem im Hinblick auf Weihnachten. Die Kampfhandlungen in weniger reichen Ländern zählten deshalb vorübergehend nicht zu den größten Problemen der Zeit.

Man musste schließlich Prioritäten setzen. Einmal saß der ehemalige Innenminister des reichen Landes im Fernsehen und erklärte der Klimaaktivistin, jetzt sei nicht die Zeit, über erneuerbare Energiequellen zu sprechen, denn bis Weihnachten würden wir keine zusätzliche Energie aus solchen Quellen generieren können.

Als der ehemalige Innenminister noch amtierender Innenminister gewesen war, hatte seine Regierung ebenfalls keine Zeit gehabt, genug erneuerbare Energiequellen zu erschließen. Damals war die Regierung vollauf damit beschäftigt gewesen zu verhindern, dass zu viele verzweifelt hilfesuchende Menschen in das reiche Land kommen konnten (statt die Ursachen der Flucht langfristig zu beseitigen). Das spielte auch jetzt wieder eine Rolle. Aber nicht so eine große Rolle wie Weihnachten.

Von Demokratiemüdigkeit war die Rede im reichen Land, während anderswo Menschen unter Einsatz ihres Lebens für Demokratie kämpften und dafür, ihr Haar offen tragen zu dürfen. Demokratiemüde und coronamaskenmüde waren die Leute, aber die dunkelste Wolke am Himmel des reichen Landes war jene, die den Kindern ihr schönes Weihnachtsfest zu verschatten drohte. Ein Weihnachten ohne Lichterkette, man mochte sich nicht ausmalen, wie hart das wäre. Wie das in Zukunft werden würde mit der Energie und dem Klima, auch das war jetzt erst einmal keines der größten Probleme der Zeit.

Das wollte der ehemalige Innenminister im Fernsehen onkelhaft der Klimaaktivistin erklären. Als der Moderator merkte, dass stattdessen die Klimaaktivistin dem ehemaligen Innenminister die Welt erklärte, schaltete er sich ein. „Als Bürger dieses Landes“, sagte der Moderator, übrigens Bürger eines Nachbarlandes, wolle er wissen, ob die Klimaaktivistin denn nun pro Atomkraft als schnelle und CO2-sparsame Lösung sei, um dem „Energiestandort“ über den Winter zu helfen.

35 Wochen Krieg, und an den Fernsehgeräten litten die Denkenden mit der Frau und mit so vielen, die in ihren noch jungen Leben seit Jahren Wege aufgezeigt hatten, wie es besser hätte werden können mit dem Klima und dem Zusammenhalt. 35 Wochen Krieg, und noch immer hatten die Alten ihre Ausreden dafür, dass ihnen stets das Heute wichtiger war als das Morgen.

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