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Krieg 34

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Von: Thomas Stillbauer

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Ukrainische Soldaten mit vormals russischem Panzer.
Ukrainische Soldaten mit vormals russischem Panzer, der wohl erstmal nicht mehr schießt. © dpa

Als man es noch für undenkbar hielt, dass es diese Überschrift je wieder geben könnte: „Krieg 34“. Die Kolumne.

Vierunddreißig Wochen Krieg, und die Nachkriegsgenerationen hatten diese Sachlage für undenkbar gehalten. Als Menschen mit Kraftfahrzeugen der Marken Wartburg und Trabant hupend und jubelnd an senkrecht stehenden Schlagbäumen vorbeifuhren. Als Leninstatuen wie Dominosteine fielen. Als höchstrangige Politiker in Strickjacken einvernehmlich durch den Kaukasus spazierten. Als allerhöchstrangige Politiker Papiere unterzeichneten, in denen stand, dass sie ihre eigenen Waffen kaputt machen wollten.

Als all das geschah, hatten die Nachkriegsgenerationen geglaubt, dass sie dieses Kapitel hinter sich hätten. Nicht geglaubt hatten sie, dass ein westliches Verteidigungsbündnis dreißig Jahre später ein Manöver mit Atomwaffen – man musste beim Frühstück innehalten und sich fragen, ob man sich verhört hatte, aber doch, ja, es stimmte – ein Atomwaffenmanöver über Mitteleuropa abhalten würde. Während weiter östlich ein Mann neben altertümlich anmutenden Telefonen saß und verkündete, er werde seinerseits voraussichtlich von Atomraketen Gebrauch machen.

Was man auch nicht für möglich gehalten hatte, waren Kriegstaktikdiskussionen in sämtlichen Medien mit Fachleuten, von denen bis dahin kaum jemand wusste. Die wenigsten ahnten, dass es da coole Leute gab, die sich hervorragend damit auskannten, wer was machen musste, um Tausende Kilometer entfernt einen strategischen Vorteil gegenüber einer anderen Macht zu erlangen. Was eine spärlich gerüstete Armee ausrichten konnte gegen eine bis an die Zähne, ach was, gegen eine bis an die dritten Zähne bewaffnete Armee: Das besprachen Leute, die man sogar sympathisch fand. Humorvolle, friedliebende Leute mit Ahnung vom Militärischen.

Dass man dabei einmal gespannt zuhören würde, auch bei Podcasts, die Kriegsgerät und seine Wirkung thematisierten – das hätte man für vollkommen abwegig gehalten. Nicht nur, weil es noch keine Podcasts gab, keine Idee von einem Internet im eigenen Leben, als man zur Friedensgesellschaft ging, um sich vorzubereiten. Um sich gewissermaßen zu bewaffnen. Die Waffen von damals waren Argumente. Mit ihnen versuchte man ältere Herrschaften davon zu überzeugen, dass es ein Irrweg war, aufeinander zu schießen. Dass es falsch war, junge Männer zu verpflichten, das Schießen zu erlernen.

Voller Überzeugung erklärte man den älteren Herrschaften damals, dass der Krieg, wenn es ihn denn noch gab, ein kalter bleiben würde, jedenfalls im zivilisierten Europa. Ganz undenkbar, dass es doch noch einmal anders kommen könnte, nach allem, was gewesen war. Undenkbar, und dann unfassbar.

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