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Krieg 33

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Von: Thomas Stillbauer

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Hitlers NSDAP (hier ein undatiertes Archivfoto) übernahm 1933 die Macht.
Hitlers NSDAP (hier ein undatiertes Archivfoto) übernahm 1933 die Macht. © dpa

Damals, 1933, waren die Großeltern noch so jung, dass sie nichts begriffen vom fatalen Irrtum.

Der Bücherkater machte sich jetzt, wie in jedem Herbst, zunehmend rar. Frühmorgens in der Dunkelheit tauchte er nicht mehr am Briefkasten auf mit seiner überraschend piepsigen Stimme, nachmittags sah man ihn nicht mehr zusammengerollt auf einem der Gartenstühle im Parterre. Nur manchmal noch ergriff er die Gelegenheit einer sonnigen Fensterbank draußen.

Auch sein Kontrahent blieb offenbar fern. Der feline Belagerer, den der Mensch vor nicht allzu langer Zeit vertrieben hatte, der Nachbar als Alliierter, als starker Partner – na, sagen wir, zumindest als großer Partner gegen den Eindringling. Eventuell hatte der fremde Kater die Animositäten zumindest für die kalte Jahreszeit eingestellt. Vorläufig keine weiteren Verteidigungstruppen erforderlich. Katzen sind recht vernünftige Zeitgenossen, wenn es ums Grundsätzliche geht.

Und Menschen? 33 Wochen Krieg, und langsam kamen einem die Wochen wie Jahre vor. Jetzt begann die pure Zahl auch an die ganz dunklen Zeiten zu erinnern.

Damals, dreiunddreißig waren die Großeltern noch so jung, dass sie nichts dafür konnten. So jung, dass sie nicht alles begreifen mussten vom fatalen Irrweg, vom Hassgeschwür in der Bevölkerung. Dreiunddreißig, da gingen sie noch zur Schule. Worauf das alles hinauslief, das zeigte sich, als sie, immer noch blutjung, zwei Kinder durchbringen mussten durch die Bomberei, die Landverschickung, durch all die Fragen, Krieg, wozu?, warum? Für nichts und wieder nichts.

Die Großmutter, die sich später nach jedem Fussel auf dem Läufer im Flur bückte, weil sie einfach keine Unordnung mehr ertragen konnte, ihr Leben lang, nicht mal den geringsten Fussel Unordnung, sie war genau die Art Großmutter, die an ihrem eigenen Geburtstag die gute Suppe kochte. Manchmal, zu den runden Jubiläen, ließ sie sich ausführen, widerwillig, und hatte dann natürlich an allem etwas zu meckern, zur Belustigung der ganzen Familie.

Der Großvater, der erst weit in den Neunzehnhundertfünfzigern aus Russland zurückkam, äußerlich ungebrochen, innerlich verschwiegen, was dieses eine Thema anging, den Krieg. Er war genau das Kaliber Großvater, der sich ein Boot lieh und den schönen neuen Fußball seines Enkels aus dem Weiher fischte. Und die Tante, die den Ball schusselig ins Wasser gekickt hatte, sie war das Nesthäkchen, geboren bald nach der Rückkehr des Großvaters aus der Kriegsgefangenschaft.

33 Wochen Krieg, und die Geschichten, die sich zutragen bei den Menschen, dort und hier und auch noch viel weiter entfernt, sie gleichen sich im Kern so sehr, dass du dir an den Kopf greifst und fragst, Krieg, wozu?, warum? Für nichts und wieder nichts.

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