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Krieg 32

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Von: Thomas Stillbauer

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Dieser russische Mann verabschiedet sich in Moskau von seiner Familie. Er ist von der Teilmobilisierung betroffen und muss wohl in den Krieg - wie erklärt man einem Kind das?
Dieser russische Mann verabschiedet sich in Moskau von seiner Familie. Er ist von der Teilmobilisierung betroffen und muss wohl in den Krieg - wie erklärt man einem Kind das? © Imago/Sergei Savostyanov

Den Kindern war bewusst, dass Krieg herrscht: Sie waren nüchtern dabei, die Welt zu analysieren. Die Kolumne „Times mager“.

Zweiunddreißig Wochen Krieg, und mittlerweile waren wir in einer Situation, in mehreren Situationen, die wir uns noch vor vierunddreißig oder fünfunddreißig Wochen nicht hätten vorstellen können. Immer noch nichts gegen die Situation, in der sich die Ukrainerinnen und Ukrainer befanden, natürlich. Wir waren jetzt in einer Situation, in der wir unseren Kindern den Krieg erklären mussten.

Nicht in dem Sinn, in dem man anderen Ländern den Krieg erklärte. Falls man es überhaupt für nötig hielt, diesen anderen Ländern den Krieg zu erklären, nachdem man sie überfallen hatte. Falls man es überhaupt für nötig hielt, der eigenen Bevölkerung den Krieg zu erklären, in den man sie hineingezwungen hatte.

Auch nicht in dem Sinn, in dem wir unseren Kindern längst den Krieg erklärt hatten, indem wir Personenkraftwagen bauten, groß wie Häuser, und mehr Bäume fällten, um mehr Straßen für mehr große Kraftwagen zu bauen.

Den Kindern mussten wir erklären, was Krieg ist. Wir mussten, um ihnen zu erklären, was Frieden ist, zunächst erklären, was Krieg ist. Die Universität beauftragte die allerbeste Expertin (die Zeitung berichtete darüber), um den Kindern zu sagen, wie viele bewaffnete Konflikte es auf der Welt gab und was man tun konnte, um sie zu beenden, außer „mehr Waffen, mehr Waffen“.

Wer das miterlebte, dem stockte der Atem. Nicht, weil es da ums Sterben ging in einem Gespräch zwischen einer Professorin und eintausend Neun- bis Zwölfjährigen im Audimax. Nicht, weil da von Waffen und noch mehr Waffen die Rede war, von Kapitulation; auch nicht, weil da zu sehen war, wie Spielzeugsoldaten einander in der Schlacht um ein Gummibärchen massakrierten.

Der Atem stockte, Bestürzung traf den erwachsenen Zuschauer, weil er sich wie ein Unbeteiligter vorkam, während eintausend Kinder erörterten, in welcher Lage sich die Welt befand, die ihre Zukunft enthielt. Sie weinten nicht, fragten nicht, was bloß werden solle – den Kindern war bewusst, dass Krieg herrschte. Sie kannten Menschen, die vor dem Krieg geflohen waren. Sie machten Lösungsvorschläge. Sie hatten selbst schon Konflikte beigelegt. Sie waren nüchtern daran beteiligt, eine Welt zu analysieren, in der die Erwachsenen immer noch nicht klug genug waren, um friedlich miteinander auszukommen. Sie hatten sich, so wirkte es, damit abgefunden. Das war eine katastrophale Erkenntnis.

Zweiunddreißig Wochen Krieg. Irgendwo starben Kinder und wurden zu Tausenden geraubt, anderswo, in Abwesenheit unmittelbarer Kampfhandlungen, waren sich Kinder darüber im Klaren, dass es an ihnen sein würde, eine vernünftige Welt zu bauen.

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