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Krieg 31

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Von: Thomas Stillbauer

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31 Wochen Krieg, und vielleicht war der Krieg das Sinnloseste, was es gab, nein, ganz sicher war er das.
31 Wochen Krieg, und vielleicht war der Krieg das Sinnloseste, was es gab, nein, ganz sicher war er das. © dpa

Was für ein schöner Tag das geworden wäre. Wurde es aber nicht. Die Kolumne „Times mager“.

Vielleicht hätte die Großmutter in dieser Woche Geburtstag gehabt. Alle wären gekommen, um zu feiern, und die Großmutter hätte es sich nicht nehmen lassen, einen Kuchen zu backen und die gute Suppe zu kochen, obwohl alle gesagt hätten, back bloß keinen Kuchen, koch nicht die gute Suppe, schon dich!, und die Großmutter hätte nur gelächelt und gesagt, als alle am Tisch saßen wie die Honigkuchenpferde, wer hätte denn sonst den Kuchen backen und die Suppe kochen sollen, etwa der Großvater? Alle hätten gelacht, und was für ein schöner Tag das geworden wäre!

Vielleicht hätte der Großvater sowieso keine Zeit gehabt, den Kuchen zu backen und die gute Suppe zu kochen, selbst wenn er der Spitzenkoch der Familie gewesen wäre, was er ja nun beileibe nicht war, keine Zeit, denn der Großvater hätte ja mit dem Enkel ins Sportgeschäft fahren müssen, um einen neuen Fußball zu kaufen, der alte war gar nicht mehr zu gebrauchen, und mit dem neuen Fußball hätten sie sofort in den Park fahren müssen, wo die Tante aus Versehen den schönen Ball schusselig in den Teich geschossen hätte, und der Großvater wäre gezwungen gewesen, vom Parkgärtner das Boot zu leihen, gegen ein paar Hrywnja Trinkgeld, und hinauszurudern auf den Teich, zur Empörung der Enten, und als gefeierter Held des Tages mit dem Ball zurückzukehren.

Vielleicht wäre die Tante erst völlig aufgelöst gewesen wegen der Sache mit dem Fußball, aber abends, als alle zusammensaßen bei der guten Suppe und einem besonders guten Tropfen Wein, da wäre sie aus dem Lachen gar nicht herausgekommen, immer wieder hätte sie vormachen müssen, wie sie sich nach dem Ball bückte, um ihn aufzuheben, und ihm zugleich mit dem Fuß den entscheidenden Kick in Richtung Teich gab, wo die Enten aufflatterten, und den Rest der Geschichte habt ihr ja schon gehört, hätte sie geprustet. Ja, fünfmal!, hätten die anderen zurückgeprustet.

Vielleicht wäre die Nichte zum ersten Mal mit ihrem Freund bei einem Familienfest aufgetaucht, Andriy hätte höflich und schüchtern dabeigesessen, aber nachdem sie ihn zu einem Schluck Wein überredet hätten, na komm, Junge, ein halbes Gläschen!, wäre er bald ein wenig mutiger geworden, und am Ende hätte er sogar einen Tanz mit der Großmutter hingelegt, alle Achtung, das hätten sie ihm gar nicht zugetraut, ein feiner Kerl, dein Neuer, Nastja!

Vielleicht hätte sogar der Vater getanzt bei dem herrlichen Fest, aber in Wahrheit hatte der Vater ebensowenig Zeit zum Feiern wie die ganze Familie, denn der Vater war draußen in der Bombenhölle, die Familie im Luftschutzkeller. 31 Wochen Krieg, und vielleicht war der Krieg das Sinnloseste, was es gab, nein, ganz sicher war er das.

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