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Krieg 30

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Von: Thomas Stillbauer

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Wann eigentlich hat die Welt begonnen, für uns Menschen so rau zu werden?
Wann eigentlich hat die Welt begonnen, für uns Menschen so rau zu werden? Oder war sie es schon immer? © Wolfgang Runge/dpa

Die Sehnsucht danach, dass der Schafpelz wieder wächst. Die Kolumne „Times mager“.

Wann ist die Welt so rau geworden? Oder war sie schon immer so rau? Wahrscheinlich war sie schon ungemein rau, als jemand den aufrechten Gang erfand und das Schlagwerkzeug und den territorialen Anspruch. Für Gazellen und Feldmäuse ist sie sicher unverändert rau, seit es Löwen und Greifvögel gibt. Aber für Menschen schien sie doch mal eine Zeit lang ein komfortabler Ort zu sein, die Welt. Nicht?

Nicht für alle Menschen, nein. Je südlicher, desto rauer lebte es sich auf dieser Welt, grob gesagt, beinahe ununterbrochen. Oder wenn man im falschen riesengroßen Land geboren war. Oder wenn jemand, der viel zu sagen hatte, sagte, dass bestimmte Leute jetzt nichts mehr zu sagen haben. Dann wurde es für diese Leute rau und blieb es auch.

Jetzt sagen die Wenigen, die viel zu sagen haben, wieder, dass Frauen in bestimmten Gesellschaften ihre Haare nicht zeigen dürfen, und wenn doch, werden sie möglicherweise geschlagen, bis sie tot sind. Warum Männer alles zeigen dürfen, was sie haben, überall, aber Frauen nicht, das verschweigen sie, die Wenigen, die viel zu sagen haben. Dabei hätten die Vielen doch viel mehr zu sagen, wenn sie sich darauf einigen könnten, was richtig ist, was falsch. Und was rau.

Aber bei uns, warum ist es bloß bei uns wieder so rau geworden? Bei uns war man sich für eine ganze Weile doch weitgehend einig darüber, dass Liebe besser sei als Krieg und dass Freiheit für alle da sein müsse, nicht nur für die, die sich Freiheit finanziell leisten können. Jetzt fühlt sich alles so rau an. Gefühlt ist es zunehmend rau, mindestens seit es nicht mehr rauh heißt. Ein Begriff übrigens, den das Wörterbuch der geschorenen Schafhaut entliehen wähnt. Friedfertigstes Tier, das man sich vorstellen kann.

Was auch immer gerade zur Debatte steht, gleich ist der Ton rau. Ob es darum geht, dass Menschen gern wahrgenommen werden möchten und nicht nur mitgemeint. Ob jemand, dem es beileibe nicht nur um Frisurenfreiheit geht, selbst bestimmen möchte, ob er oder sie eben er oder sie sein will – oder someone not just in between. Nicht nur irgendwo dazwischen. Und das sind Bedürfnisse, die jahrelang höflich vorgetragen wurden. Das sind sehr weiche Anliegen. Kein Grund, sie rau abzumeiern.

30 Wochen Krieg, und selbstverständlich ist der Begriff der Rauheit nicht annähernd angemessen, um zu beschreiben, was das bedeutet. Es fällt nur schwer zu glauben, dass die Welt einmal wieder weniger rau werden könnte bei allem, was gerade auf ihr wütet und zu Bruch geht. 30 Wochen Krieg und so viel Sehnsucht danach, dass der Schafpelz wieder wächst.

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