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Krieg 29

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Von: Thomas Stillbauer

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Von der ukrainischen Armee befreites Gebiet in Charkiw.
Von der ukrainischen Armee befreites Gebiet in Charkiw. © Kostiantyn Liberov/dpa

Gesellschaftsspiele mit „Geländegewinnen“ - und wir haben uns nichts dabei gedacht. Die Kolumne „Times mager“.

Geländegewinne. Ein Begriff, der dieser Generation fremd war, so fremd. Im wahren Leben. Die Generation Boomer, irgendwann in den 1960er Jahren geboren von Müttern, die das Härteste vielleicht noch als Kinder miterlebt hatten, den Krieg, miterlitten, diese nachgeborene Generation kannte Geländegewinne nur aus Gesellschaftsspielen.

Widerwillig daran teilgenommen, wenn es draußen regnete. Bei einem dieser Gesellschaftsspiele, Unterkategorie Strategiespiele, musste man Länder erobern und besiedeln. Bei einem anderen musste man irgendwo angreifen, und wenn man dabei auf eine Mine stieß, sagte der Mitspieler gegenüber nur kalt lächelnd: Bumm. Was man dabei lernen sollte, unklar. Noch unklarer, je mehr diese Spiele abwanderten vom Brett ins Netz.

Geländegewinne. Bei der US-Sportart vielleicht, wenn Männer mit Helmen und drei Meter breit gepolsterten Schultern ein eiförmiges Spielgerät hinter gegnerische Linien transportieren mussten und einander dabei zu Boden warfen. Aber in echt? Oder wie es in den Treffpunktmedien hieß: im Real Life? Im RL?

Als im allzu nahen Osten aus den schweren Verlusten plötzlich Gewinne wurden. Als die gleichbleibend grauenhaften Bilder der zerstörten Ansiedlungen plötzlich Geländegewinne hießen. Als Frauen in groben Jacken und Röcken weinend ukrainische Soldaten auf die Wangen küssten. Da erhielt der Begriff im Herbst eine Bedeutung, die an Frühlingsfarben in Friedenszeiten heranreichte. Da wurde er zu einem engen Verwandten der Hoffnung.

Vergessen waren wenigstens für den Moment die sekundären Geländeverluste an der sogenannten Heimatfront. Alte Leute konnten nicht mehr ins Schwimmbad, um für ihren Rest von Zukunft zu trainieren, jetzt nicht wegen Corona, sondern weil Gas zum Heizen fehlte. Die besonders Verwundbaren konnten sowieso nicht mehr sorglos in Innenräumen sein, seit die scheinbar Unverwundbaren über Masken lachten, wenn nicht gar wüteten. Die Einsicht, dass alles kühler werden musste, die Luft, das Wasser, die Atmosphäre, sie war ja bei den Vernünftigen vorhanden. Sie verlangte ihnen mehr ab als denen, die auf Freiheit vor allem für die Unverwundbaren bestanden.

Geländegewinne waren schon immer eine Sache der Perspektive gewesen, so wie das Glas Wasser bei einem Füllstand von 50 Prozent. Wenn dir etwas gehörte und es wurde dir genommen und du hast es dir zurückgeholt, aber es ist alles kaputt, was darin war, zerstört oder tot – wenn du das also zurückerobert hast, ist es dann gewonnen?

Es ist zumindest nicht ganz verloren. 29 Wochen Krieg und immerhin, die Hoffnung lebt.

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