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Krieg 27

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Von: Thomas Stillbauer

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„Der Besatzer war, wie soll man sagen, erkennbar krasser drauf.“
„Der Besatzer war, wie soll man sagen, erkennbar krasser drauf.“ © Thomas Coex/afp

Vom Bücherkater, der sich eines fiesen Kontrahenten erwehren muss. Wie im richtigen Leben. Die Kolumne „Times mager“.

Der Bücherkater machte keinen guten Eindruck in diesen Tagen. Alle hatten ihn für den unumschränkten Herrscher gehalten, Regent des Quartiers. Unvergessen, wie er den Schaufelbagger auf Ground Zero attackiert hatte, dort, wo sie das Bücherhaus dem Erdboden gleichgemacht hatten. Nach Feierabend zwar, als die Bauarbeiter schon Zigaretten rauchend abgezogen waren, aber immerhin.

Unvergessen auch, wie er aufs Baugerüst gekraxelt war und inspiziert hatte, was sie anstelle des Bücherhauses errichteten. Neue Steine, in denen nicht mehr der tote Büchermann wohnen würde und auch nicht der einst so winzige Bücherkater in seiner Bücherkiste mit leichter Literatur, sondern Menschen, die reich genug waren, um Steine praktisch mit Gold aufzuwiegen in der teuren kleinen Metropole. Prächtig gewachsen war er, der Bücherkater. Der Stärkste war er geworden, auferstanden aus Ruinen. Distanziert, nicht unfreundlich, aber Respekt einflößend. Dachten wir.

Seit langem wohnte er bei unseren Nachbarn im Parterre. Und nun stand der Bücherkater morgens mit eingezogenem Schwanz am Briefkasten. Wieso? Oh: Der Kater von der anderen Seite war in sein Revier eingedrungen. Der verhielt sich auch stets unnahbar, war aber nicht durch Aggression aufgefallen bis zu dieser Grenzüberschreitung. Die Kontrahenten standen einander gegenüber. Der Besatzer war, wie soll man sagen, erkennbar krasser drauf.

Der Fremde machte dem Bücherkater sein Land streitig. Aber wer den Bücherkater bedroht, der bedroht auch uns. Auf der Stelle verjagte die Schutzmacht den Okkupanten.

Der Bücherkater folgte dem Bündnispartner erleichtert ins Haus, wo er wie immer glaubte, jeder Mensch könne jede Tür öffnen. Die Tür im Parterre konnten aber nur die Leute im Parterre öffnen, und die schliefen noch. Das alte Dilemma: Was tun? Haustür zumachen hinter dem Bücherkater, ohne dass er in die Wohnung konnte? Oder Haustür offen lassen, nun also neuerdings auf die Gefahr hin, dass der Feind noch näher kam?

Der Mensch entschied sich, den hinter den Mülltonnen lauernden Gegner noch einmal mit allem Nachdruck zu verjagen und dann die Haustür offen stehen zu lassen. Als er das nächste Mal herunterkam vom Dachgeschoss, waren keine Kampfhandlungen festzustellen und keine Kämpfer zu sehen. Auf Dauer war das Problem nicht gelöst, das stand fest. 27 Wochen Krieg, und es schwang mehr als ein Gefühl von Unsicherheit mit, ob es so gut gewesen war, dass sie den Schutzsuchenden einst kastriert hatten. Aber ein Held darf auch schwächeln. Wir halten zu ihm, und wenn es weitere 27 Wochen dauert.

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