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Krieg 26

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Von: Thomas Stillbauer

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Menschen im Park – eine von unzähligen friedlichen (!) Arten, das Leben zu verbringen.
Menschen im Park – eine von unzähligen friedlichen (!) Arten, das Leben zu verbringen. © Christoph Soeder/dpa

Wie sich hier und dort Menschen freuen, sich in den Armen liegen. Was für eine Verschwendung, nicht freundlich miteinander zu sein.

Irgendwo sitzen und den Menschen beim Leben zusehen, den kleinen und den großen, den dicken und den dünnen, den coolen, den verrückten, allen. Wie sie stehen, wie sie laufen. Rennen. Radeln. Wie sie gestikulieren.

Wie Wimmelbilder wirken die Szenen dann, wie Filmsituationen, besonders wenn man so weit entfernt sitzt, dass man ihre Stimmen nicht hört. Völlig übertrieben sehen die Gesten dann manchmal aus. Nein, doch nicht wie im Film, eher wie in einem Theaterstück. Wo es jeden Tag ein kleines bisschen anders aussehen darf, aber immer echt.

Jemand staunt. Jemand zeigt irgendwohin. Jemand tanzt. Jemand belehrt seinen Hund. Jemand zieht seinem Kind Schuhe und Strümpfe aus, damit es in den Brunnen hüpfen kann. Das Kind ist schon fast drin im Wasser, kaum zu halten, die eine Socke noch halb am großen Zeh. Die Leute lachen. Man hört es nicht, auf die Entfernung, aber man sieht es. Die ganze Szene, ein Lachen in der Sonne. Die ganze Szene, das Leben.

Was für eine Errungenschaft, das Lachen, das Leben. Wie intelligent von dieser Tierart, dem Menschen, dass er sich mit anderen Menschen (und Tieren) befreunden kann. Das kann er so gut und ausdauernd wie sonst kein Lebewesen. Das kann er unglaublich gut. Wir schauen den Menschen dabei so gern zu, wie sie miteinander befreundet sind. Gerade erst wieder: Sportliche Wettkämpfe, und die Konkurrentinnen liegen sich hinterher in den Armen, egal, wer gewonnen hat (am liebsten zurzeit natürlich die in Blau und Gelb), und das Schönste: wie sich alle zusammen freuen im Getöse unterm Olympiadach.

Was für eine Verschwendung, nicht freundlich miteinander zu sein. Welch schlechte Idee, andere Menschen anzugreifen, nur weil sie Menschen von anderswo sind. Was für ein fataler Irrweg.

26 Wochen Krieg, und der Neuigkeitenwert schwindet, das sagen uns die Fachleute. Die Bilder machen in ihrer Wiederholung lethargisch. So grauenhaft das alles ist, es führt dennoch in eine – katastrophales Wort – Mitgefühlsmüdigkeit. In die emotionale Erschöpfung. Darauf baut der Kriegsherr. Auf unser Abstumpfen. Wir haben nur eine Chance, sagen die klugen und einfühlsamen Menschen, sagt etwa die Autorin Samira El Ouassil: Wir müssen selbst aktiv unsere Empathie aufrechterhalten. Wir müssen uns bewusst machen, was die ukrainische Bevölkerung durchmacht. Nicht verdrängen. Mitgefühl bewahren, unter allen Umständen. Das zählt immer. Auch hier, Woche für Woche, solange es eben dauert.

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