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Krieg 24

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Von: Thomas Stillbauer

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Krieg in der Ukraine, seit 24 Wochen, 24 Stunden am Tag. Wann hört das auf? Wann müssen wie hier in Butscha keine Kriegstoten mehr beerdigt werden? Die Arbeiter tragen einen Sarg mit den nicht identifizierten Überresten eines Zivilisten, der während der russischen Besatzung in Butscha von russischen Truppen ermordet wurde. Insgesamt sind es elf nicht identifizierte Leichen, die aus einem Massengrab exhumiert worden waren und nun beigesetzt werden.
Krieg in der Ukraine, seit 24 Wochen, 24 Stunden am Tag. Wann hört das auf? Wann müssen wie hier in Butscha keine Kriegstoten mehr beerdigt werden? Die Arbeiter tragen einen Sarg mit den nicht identifizierten Überresten eines Zivilisten, der während der russischen Besatzung in Butscha von russischen Truppen ermordet wurde. Insgesamt sind es elf nicht identifizierte Leichen, die aus einem Massengrab exhumiert worden waren und nun beigesetzt werden. © Efrem Lukatsky/dpa

Klingt wie ein Portal, auf dem Preise oder Öffnungszeiten verglichen werden, aber das trifft es ja genau. 24 Stunden Krieg, sieben Tage die Woche. Die Kolumne „Times mager“.

Krieg 24, das klingt natürlich wie irgendein Internetportal, das Preise miteinander vergleicht oder Öffnungszeiten angibt. Krieg 24/7, auf die Spitze getrieben. Aber das trifft es ja ganz genau. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche: Krieg. Für die, die es betrifft.

Für die anderen immer mal eine Viertelstunde Krieg in den Nachrichten, eine halbe Stunde Krieg beim Zeitunglesen, eine Stunde Krieg beim Gespräch mit den Freunden. Die Vorzeichen sind inzwischen andere. Hier bei uns geht es ja längst nicht mehr vordergründig um das, was den Menschen passiert, dort, wo Krieg ist.

Hier bei uns geht es in der öffentlichen Debatte um kalte Hintern im Winter und um die Inflation. Hier bei uns geht es um Befürchtungen, die den eigenen Komfort betreffen. Hier bei uns geht es, immer noch, um warme Duschen. Und um den Preis fürs Benzin, mit dem der Wohlstand durchs Land fährt. Und darum, dass dieser Preis bloß nicht zu hoch werden darf. Dafür muss der Staat sorgen. Und für den Wohlstand. Der darf nicht zu niedrig werden.

24 Wochen Krieg inzwischen. Die Angst macht sich breit. Nein, die Angst war schon breit, jetzt macht sie sich noch breiter. Dass die Wirtschaft nicht mehr funktioniert. Dass die Armen noch ärmer werden. Das sind berechtigte Ängste. Drüben, wo geschossen wird, haben die Leute andere Ängste. Drüben sterben die Leut. Drüben geht man davon aus, dass er noch jahrelang weitergeht, der Krieg.

Habe ich mich verrannt in die Idee, hier jede Woche den Krieg durchzunummerieren? Irgendwie schon. Wie lang das gehen könnte mit dem Krieg, davon hatte ja keiner eine Ahnung im Februar. Dass er wirklich so lang dauern würde, das haben ja nur die geahnt, die sich mit so was auskennen. Ich kenne mich nicht aus mit Krieg. Überhaupt nicht. Will ich jetzt jahrelang hier Krieg X schreiben, Krieg XX, Krieg XXX? Die Antwort ist eigentlich immer dieselbe: Andere haben es schwerer.

Ich verbreite hier Trübsinn. Andere haben es schwerer. Sie kriegen hier jede Woche den durchnummerierten Krieg zu lesen. Andere haben es schwerer. Benzin ist (inzwischen gar nicht mehr allzu viel) teurer. Andere haben es schwerer. Vielleicht müssen wir im Winter viel Energie sparen. Andere haben es schwerer. Abgesehen davon, dass wir sowieso Energie sparen müssten.

Die Menschen mit wenig Geld leiden darunter, dass alles teurer wird wegen des Kriegs. Achtung, neue Antwort: Andere haben es leichter. Andere haben viel, viel Geld. Es geht hier nicht um die Freiheit, mit einem Auto so schnell fahren zu dürfen, wie man will. Es geht hier um Solidarität nach innen und nach drüben. Auch nächste Woche.

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