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Krieg 22

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Von: Thomas Stillbauer

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Der Weg durch den Weinberg.
Der Weg durch den Weinberg. © O. Protze/Imago

Ein Weinstock. Ein Vogel. Ein fröhlicher junger Mann. So war es vergangenes Jahr.

Zweiundzwanzig Wochen Krieg, und rein äußerlich gibt es weiterhin Dinge und Situationen, die davon unbeeindruckt, ganz unberührt weiterexistieren. Weiterfunktionieren. Auch schöne Dinge und Situationen. Die muss es ja auch geben, die schönen. Die muss man sich bitte nicht verderben lassen von ein, zwei, vielen Kriegstreibern. Von zu vielen Kriegstreibern. Von viel zu vielen Millionen Kriegstreibergewährenlassenden.

Im Urlaub am Fluss ging voriges Jahr immer eine kleine Gesellschaft die Treppe hinauf, am frühen Abend. Ein fast alter Mann, ein junger Mann und eine Katze. Die drei waren eine vertraute Gemeinschaft. Zuerst hörte man den jungen Mann. Vermutlich beim Essen, das an den schönen Tagen auf einer kleinen Terrasse im Weinberg hinter Reben eingenommen wurde. Da gehörte auch noch eine fast alte Frau zur Gruppe. Aber nach dem Essen machten sich nur drei auf den Weg: der fast alte Mann, der junge Mann und die Katze.

Immer zur gleichen Zeit arbeiteten sie sich vor, die Treppe im Weinberg hinauf. Langsam ging das, auch wenn die Katze es gern schneller wollte und schon zehn Meter voraus jagte. Dass es nicht schneller ging, lag am jungen Mann. Er war durchaus behände, aber er konnte jeden Abend staunen über alles, was ihm begegnete.

Schon beim Essen hatte er ja gestaunt und gelacht. Jetzt überwältigten ihn die Vorgänge geradezu, die er auf dem Weg vom Esstisch den Weinberg hinauf zur Friedhofsstraße erlebte. Da, ein Weinstock. Noch einer. Ein Vogel! Auf dem Pfahl, der den Weinstock hielt, ein Vogel, obendrauf! Der junge Mann staunte über alles, lachte verblüfft, zeigte aber nicht hin, um den fast alten Mann aufmerksam zu machen, das nicht. Da war vielleicht allen klar, auch dem jungen Mann, dass er der Einzige war, der sich jeden Abend wieder von der ganzen Welt verblüffen und erheitern lassen konnte. Am meisten von der Katze übrigens, wenn sie die Treppe hinaufhuschte.

Der fast alte Mann stieg mit unendlicher Geduld lächelnd hinterher. Wenn sie die Urlauber bemerkten, die die Szene vom Balkon im anderen Weinberg verfolgten, dann grüßten sie, der eine freundlich, der andere staunend vergnügt. Manchmal kam sogar die Katze ein paar Stufen die nächste Treppe zu den Urlaubern herunter, nicht ganz, nur kurz schauen. Dann gingen alle drei weiter auf den Friedhof, wo der junge Mann noch mehr erheiternde Überraschungen erlebte, wenn man genau hinlauschte.

Im Sommer 22 sind sie bislang nur zu hören, die drei. Keine abendlichen Ausflüge, nur das laute Staunen, immerhin das. Aber ein paar Dinge und Situationen sollten unbedingt weiterfunktionieren.

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