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Krieg 21

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Thomas Stillbauer

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Eine Zeit lang wurde alles durchnummeriert - sogar die Zahnpasta.
Eine Zeit lang wurde alles durchnummeriert - sogar die Zahnpasta. © Patrick Seeger/dpa

Wie konnte es sein, dass man trotz „Strahler“ Zahnersatz brauchte? Und warum schmeckten „Strahlerküsse“ besser? Von Zahnpasta und dem Zählen.

Eine Zeit lang, in einem früheren Leben, wurden die Dinge konsequent durchnummeriert. Der kluge Einfall hieß Trick 17, das Auto hieß Ro 80, die Zahnpasta hieß Strahler 70. Wer damals, 1970, noch mit der Zahnpastasorte Blendi glücklich und zufrieden war, verlor Strahler 70 nach Ablauf der Fernsehwerbekampagne alsbald aus den Augen.

Umso überraschender, dass die Elektrorecherche nicht nur den Hinweis „später Strahler 75“ erbringt, sondern auch: „… bekannte Zahnpasta, die dann als Strahler 80 und Strahler 90 weitergeführt wurde“. Man hätte also, dem Blendi-Alter erst entwachsen, durchaus up to date bleiben können bei der Zahnhygiene, wäre man nicht ignorant dem Glauben verfallen, morgens Blau, abends Orange (oder war es umgekehrt) sei Dentalgesetz.

Schmerzlich zu lesen, dass in all den Jahren der Song „Strahlerküsse schmecken besser, Strahlerküsse schmecken gut“ von Christian Bruhn keinen Zweifel ließ, was angesagt war. „Kußfrische“ (zeitgenössische Schreibweise) und „extra frische Zähne“ wären zu haben gewesen. Jedoch gab es wie bei allem, was strahlt, auch Schattenseiten. „Zu dieser Zeit mehrte sich aber bereits die Kritik an dieser Zahnpasta, die laut Studien für Schäden an Zahnersatz-Kunststoff sorgte“ (Deutsches Museum digital).

Kritik an einer Zahnpasta, auch ein bisschen belustigend, die Vorstellung. Man hat Leute vorm inneren Auge, die mit Schildern an einem Produktionsgebäude auf- und abgehen, die Zahnpasta beschimpfend, pfui, Strahler 80 hat uns jahrelang belogen. Dass man überhaupt je Zahnersatz brauchte, wenn man verlässlich morgens und abends mit Strahler 70, 75, 80, 90 zugange war, eine Riesenenttäuschung.

Man soll sich nicht darüber lustig machen, wenn Leuten der Zahnersatzkunststoff kaputtgeht, da sind wir uns absolut einig. Man macht sich zurzeit sowieso nicht gern über irgendwas lustig. Sie wissen ja, dass es unter dieser durchnummerierten Überschrift am Ende doch immer wieder zum traurigsten Text der Zeitung kommt. Heute ließ es sich nicht vermeiden, auf durchnummerierte Dinge zu kommen, weil Krieg 21 bei der Boomergeneration unweigerlich die Assoziation mit Creme 21 hervorruft, einer knallfarbigen Dose mit einer Hautpflegesubstanz, die anderen Cremes sicher inhaltlich nicht überlegen war, aber top aussah und viel später ebenfalls eine Renaissance im Supermarkt erlebte. „Creme 21 hält die Haut jung“ ging der Slogan. Da ist sogar die Melodie sofort wieder präsent, einst im Duett mit der Frau Mama gesungen.

Wie gesagt, beim Krieg wäre ein Ende des Durchnummerierens der größte Wunsch, schon gar bei den Weltkriegen.

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