1. Startseite
  2. Kultur
  3. Times mager

Krieg 20

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Thomas Stillbauer

Kommentare

Vermutlich keine Warmduscherin.
Vermutlich keine Warmduscherin. © Julian Stratenschulte/dpa

Über diesem Text hätte normalerweise „Warmduscher“ gestanden. Wie gerne würde man mal wieder eine andere Überschrift wählen, wie gerne. Die Kolumne „Times mager“.

Ein Hoch auf die Recherche, ob man über jenes oder dieses schon einmal schrieb. Das Gedächtnis wird kurz und kürzer, Eis am Stiel in der Sonne, und eselhaft ist es, dasselbe Thema zweimal in derselben kurzen Zeitspanne anzuschneiden, in der man beispielsweise vergisst, ob man diesen „Tatort“ schon gesehen hat oder nicht. Obwohl Eseln so etwas seltener passiert als Redakteuren.

Lohnend also diesmal, den eigenen Namen und „duschen“ im Archiv miteinander in Korrelation zu setzen. Tatsächlich gab es bereits 2014 eine persönliche Abhandlung dazu, wenn auch aus anderen Gründen. Es ging damals eine Seifenschale aus Plastik zu Bruch. Den Gegenwert, geschätzte 59 Cent, hätten die Ferienwohnungsvermieter beinahe auf die Rechnung gesetzt. Man konnte sich 2014 über Duschunfälle lustig machen. Von Wasserknappheit, von Gasknappheit: keine Rede.

Heute durchaus. Heute hören wir mit wachsendem Befremden, dass freie Warmduscher in einem freien Land so lange warm duschen dürfen wollen, bis sie sich sauber fühlen, was bei manchen offenbar länger dauert als bei anderen und zurzeit noch einmal doppelt so lang. Heute nehmen wir zur Kenntnis, dass zwei Flugstunden entfernt ganze Badezimmer aus Wohnhäusern gebombt werden, mit Waffen, die wir mitfinanzieren. Je länger wir duschen, desto mehr. Heute würde mit Sicherheit „Warmduscher“ über diesem Text stehen, stünde nicht aus Gründen der Kontinuität drüber, was seit 20 Wochen drübersteht. Wie gern würde man wieder mal eine andere Überschrift wählen. Wie gern.

Heute erklären uns Leute aus allen politischen Himmelsrichtungen, dass der persönliche Energieverbrauch des Menschen unantastbar bleiben muss, jedenfalls in Deutschland, weil entweder die Industrie an allem schuld ist (ballert raus, was rauszuballern ist) oder die Freiheit über allem steht (kommt nicht mit weniger als vier Litern Hubraum aus). Oder mit dem epidemisch sich ausbreitenden Argument des dritten Jahrtausends. Es lautet: trotzdem.

Heute hören wir die Debatte, lesen die Tiraden, heute lassen wir uns erklären, warum es unerlässlich ist, Turbinen durch die Welt zu schicken, nicht von A nach B, sondern von A über D nach B, damit D nicht in einigen Monaten ohne Gas dasteht. Während U schon seit einigen Monaten ohne so ziemlich alles dasteht. Heute versuchen wir, die Argumente (außer trotzdem) zu durchdringen. Heute wären wir vor allem so froh, wenn das Ganze bloß endlich aufhörte.

Eine zerschmetterte Seifenschale in der Dusche, 2014. Es war das Jahr, in dem vieles harmloser schien, als es war. 20 Wochen Krieg, und zumindest das haben wir jetzt kapiert.

Auch interessant

Kommentare