1. Startseite
  2. Kultur
  3. Times mager

Krieg 19

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Thomas Stillbauer

Kommentare

Zum Entsetzen der Kundschaft gab es kein Capri-Eis mehr.
Zum Entsetzen der Kundschaft gab es kein Capri-Eis mehr. © Frank Rumpenhorst/dpa

Der Mensch ist ein Verdrängungstier: In der Ukraine ist der Krieg, und wir denken über Eis am Stiel nach. Die Kolumne „Times mager“.

Es gab Zeiten, da hatte es Witz, über „die wirklich wichtigen Fragen des Lebens“ zu schreiben, grinsend, wenn es um die Wahl der bevorzugten Eis-am-Stiel-Sorte ging. Und die sind mehr als 19 Wochen her, die Zeiten, seien wir ehrlich. Solcherlei Scherze bleiben einem längst im Hals stecken. Vielleicht bleiben sie auch schon auf der Zunge kleben. Dennoch wird die Debatte übers süße Gefrorene intensiv geführt. Der Mensch ist ein Verdrängungstier.

„Flutschfinger kein Ersatz für Capri“, das war online die Ausgangsthese. Nun wissen wir seit den ersten selbstständigen Besuchen an einem Kiosk (das war eine Zeit, in der das Wort selbstständig noch mit lediglich zwei s und einem t auskam): die Namensfindung für Speiseeis, ein heißes Eisen. Unbestritten ist zudem, dass die besten Kaltnaschereien in italienischen Eissalons kredenzt werden und dass italienische Eissalons grundsätzlich „Lido“ heißen oder irgendeinen Frauennamen tragen.

Gegen ein gutes Eis am Stiel ist aber bitte auch nichts einzuwenden. Jetzt enthielt die Tiefkühlzone des Supermarkts zum Entsetzen der heißgelaufenen Kundschaft keinerlei Capri mehr. Capri, in seiner verführerischen Einfachheit unübertroffen. Praktisch gefrorener Apfelsinensaft. Ein Genuss. Es mag Menschen geben, die Split bevorzugen (43,6 Prozent gegenüber 56,4 für Capri, wie eine Twitter-Umfrage ergab). Das zeigt vor allem: Eis am Stiel wird nach Traumzielen am oder im Mittelmeer benannt, e basta.

Im Supermarkt blieb mangels Capri nur Flutschfinger. Wie konnte es je zu einer solchen Bezeichnung kommen? Warum nicht Rhodos, Haifa, Tunis, Ibiza? Wir erleben offenbar den Verfall der kalten Sitten. Historisch betrachtet folgte dem Original Capri (50er Jahre) recht bald Split (60er, zunächst außen mit Himbeergeschmack um den Vanillekern, später ebenfalls Apfelsine, inzwischen Maracuja) – und dann ging es krass bergab. In der Schulzeit waren plötzlich Moppi und Limoa wärmstens begehrt (eine Preisfrage, 25 Pfennig, unschlagbar).

Während Dolomiti die Fahne des guten Geschmacks wehen ließ, drängte Brauner Bär in den Vordergrund, von manchen heute gar als Lieblingsstieleis gehandelt, und das indiskutable Ed von Schleck (Plastikhülle!), das frühe Computerfreaks schätzten (wegen „EDV Schleck“). Für das Produkt Kaktus sprechen Aroma und Textur, aber weniger seine Herstellerfirma und die Vorstellung, mit der Zunge an einen stacheligen ...

Andererseits ist es bereits eine Quietschende-Tafelkreide-Situation, auf einen Holzeisstiel mit den Pfneidepfähnen pfu beifen.

19 Wochen Krieg und all die kleinen Fluchten. Wir wissen gar nicht, wie gut wir es immer noch haben.

Auch interessant

Kommentare